TAGEBUCH WOCHE 15

Montag habe ich den ganzen Tag an meiner Vorlesung für Mittwoch gearbeitet. Am Abend habe ich mich mit Cena zum Abendessen im Restaurant Yavoy getroffen. Tocino und Toalla sind auch dazu gekommen. Ich war als Erste im Lokal und habe noch ein paar Notizen am Handy notiert, da spricht mich der Kellner an. Er hat gemerkt, dass der Moreno (Braune/Dunkelhäutige) mich nicht mehr begleitet. Er meinte damit Noel. Ich erkläre, dass er jetzt in Österreich ist und ich ihn sehr vermisse. Der Kellner gibt mit daraufhin seine Nummer und sagt, wir könnten ja mal etwas gemeinsam machen.

Wir bestellen Essen, es ist kaum auszuhalten, mit Toalla ist jede Konversation ein Schlagabtausch diverser kleiner Provokationen. Ich muss mir manchmal schwer das Lachen verbeißen, nur um ihm nicht zu zeigen, wie gut der Witz war. Er nimmt mir mein Handy weg und meint, das wäre Kontraproduktiv für eine Unterhaltung. Ich hole mir mein Handy zurück und sage lächelnd “Eure Diskussion über venezolanische Musik ist stinköde, da schlafen mir die Zehen ein.” Toalla: “Über was willst du dich dann unterhalten – über Schuhe und Klamotten?”
In dem Moment erscheinen 3 Nachrichten auf seinem Handy, da es direkt neben mir liegt, werfe ich einen Blick darauf. Er nimmt es sofort vom Tisch und sagt: “Cuaima!” Tocino klärt mich auf, dass Cuaima eine Schlangeart ist, der Begriff wird aber in Venezuela auch für eine Frau verwendet, die sehr eifersüchtig ist und u.a. das Handy ihres Freundes checkt.
Ich frage Toalla, wie man Cuaima schreibt. Er nimmt mein Handy und tippt. Dann gibt er es mir zurück. In der Notiz steht “Margarita”. Dieses Luder! Ich sage, dass ich es kaum mit ihm aushalte. Er sagt, ich soll mir keine Hoffnungen machen, es gibt nur eine Liebe in seinem Leben, das sei Jesus. Er stiehlt ein Pommes Frites von meinem Teller, ich würde ihm am liebsten die Hand brechen. Dann lacht er genüsslich. Als sein Essen kommt, sage ich: “Was ist denn das da an der Wand?” Während er sucht, esse ich seine Potatoe Wedges.  Als er kapiert, was los ist, muss er laut lachen. Das war doch der älteste Trick auf der Welt!
Als alle mit dem Essen fertig waren, ertönt Bachata-Musik. Toalla ist plötzlich total elektrisiert und sagt, dass er Donnerstag zurück kommt und ins Olla Quemada tanzen geht. Ich versuche desinteressiert zu wirken und frage müde: “Wirklich?” Er fragt Tocino, ob ich tanze. Tocino reißt weit die Augen auf und nickt. Toalla fragt: “Gut?” Tocino nickt noch euphorischer und sagt: “Wie eine Venezolanerin.” Toalla kann es nicht glauben und sagt zu mir, ich soll jetzt sofort mit ihm tanzen. Im Yavoy gibt es nicht mal eine Tanzfläche. Das ist ihm völlig egal, da tanzen wir schon. Er ist auf jeden Fall von sich überzeugt oder es interessiert ihn nicht, was andere denken. Ich muss lachen und mag seine Spontanität. Dann wechseln wir das Lokal und gehen ins Vía Vía. Dort spielen zwei Musiker live. Wir bestellen eine Runde Bier. Toalla ist von der Musik begeistert. Als “Borracho y loco” (betrunken und verrückt) ertönt, schießt er von seinem Stuhl auf, stellt sich vor die Musiker und singt lauthals den Refrain mit. Tocino, Cena und ich schauen uns an und bekommen einen Lachanfall. Dann kommt er zurück und motiviert uns alle mitzusingen. Ich habe schon lange nicht mehr soviel gelacht wie and diesem Abend. Dieser Mann ist verrückt.

Am Dienstag habe ich Nachricht erhalten, dass mich die Deutsche Botschaft zu einem  schriftlichen Auswahlverfahren am Freitag von 10-12 Uhr einlädt. Es ist ein AssistentInnenjob, der ebenfalls Social Media-Skills verlangt. Ich freue mich sehr darüber, bin aber auch ganz schön aufgeregt.

Toalla schickt mir ein Foto von sich und meinem Strandtuch: Erkennst du das?
Ich: Du hast mein Handtuch gekidnappt! Ich wusste, du bist ein böser Mann!
Toalla: Ich werde es verkaufen, cuaima! Cuaima=Margarita
Ich: Gib’s mir zurück!
Toalla: Wenn ich dich das nächste Mal sehe, gebe ich es dir. Vielleicht!
Ich: Wann? Du fährst heute, Dummkopf!!!
Toalla: Ich komme morgen zurück. Und verwende nicht diese schlimmen Worte. Das passt nicht zu dir, du mit deinem Gesicht eines guten Mädchens.
Ich: Spar’ dir diese fingierten Worte für deine Geliebten in Chinandega!
Toalla: Hahahaha, eifersüchtig! Ich sehe dich morgen oder am Donnerstag, ok?
Ich: Wenn dein Jesus dich wirklich liebt, dann wirst du mich vielleicht wiedersehen.

Daraufhin schickt er mir ein Foto auf dem eine Familie gehobenen Standards an einem reich gedecktem Tisch sitzt und betet: Danke Jesus für diese Gaben. Darunter sieht man einen ausgemergelten Latino am Feld rackern, mit dem Titel: Das ist Jesus.

Toalla: Meinst du den?
Ich: Endlich hast du es kapiert! Dein Freund Jesus kocht mir übrigens gerade Abendessen. Lecker! #hungrig
Toalla: Hahaha jetzt bin ich auch hungrig. Lass uns Arepas kochen, wenn ich zurück bin, ok??? Ich bin ein professioneller Koch und ich habe gesehen, du bist eine professionelle Esserin.
Ich: Was sind Arepas?
Toalla: Schau nicht nach! Ich zeig es dir, wenn wir sie machen. Es ist ein traditionelles venezolanisches Essen.
Ich: Versprich nicht so viele Dinge!
Toalla: Ich habe dir nichts versprochen.
Ich: Bitte???? Am Donnerstag die ganze Nacht tanzen bis ich nicht mehr stehen kann.
Toalla: Ja, aber dazu hast du mich herausgefordert.
Ich: Arepas.
Toalla: Das sind nur zwei Dinge.
Ich: Da schau her! Du kannst bis zwei zählen. Wie beeindruckend!
Toalla: Nein! Ich kann bis 8 zählen, aber das war’s dann. Ruh dich aus für Donnerstag Greisin! Ich gehe jetzt schlafen und träum’ bitte nicht von mir!
Ich: Komm zu Kräften, du wirst sie brauchen. Und mach dir keine Sorgen, ich träum’ nicht von dir und wenn doch, ist es ein Albtraum!

Das sind die Nachrichten eines Venezolaners. Jetzt zum Vergleich die Nachrichten eines Nicaraguaners, dem Kellner von letzter Nacht. Ein Dialog, den ich genau so schon 100 Mal, ich korrigiere 1000 Mal, geführt habe.

Er: Hello
Ich: hola.
Er: Wie geht’s? Was machst du?
Ich: Ich trinke einen Kaffee. Und du?
Er: Ich gehe ins Fitnessstudio.
Ich: Have fun!
Er: Immer! Schick mir ein Foto. Sag mir, was du von mir willst.

Ich muss ernsthaft überlegen, was ich mir dabei gedacht habe, ihm meine Nummer zu geben. Das Antworten dauert deshalb etwas. Ich komme dann gar nicht mehr dazu, weil…

Er: Danke für’s Antworten…Schönen Nachmittag.
Ich: Du verhältst dich komisch.
Er: In welchem Zusammenhang?
Ich: Unreif. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit zum Chatten. Das musst du respektieren.
Er: ICH unreif? Hahahaha. Ok ist gut, wenn du Zeit hast, schreib mir.
Ich: ok.

Ich arbeite weiterhin an meiner Präsentation und habe den Kellner ganz vergessen. Er beschwert sich kurz vor Mitternacht, dass ich mich nicht gemeldet habe. Er will mich sehen, was ich denn wolle.

Ich: Wann?
Er: Wann kannst du?
Ich: Nächste Woche.
Er: In der nächsten Woche? SMILY DER VOR SCHOCK SCHREIT. Und wo bist du jetzt?
Ich: zu Hause.
Er: Und dein Haus, wo ist es? Vielleicht kann ich vorbeikommen dich besuchen.
Ich (genervt, weil ich schon weiß, was jetzt kommt): Wann?
Er: Heute, wenn ich Dienstschluss habe. (1 Uhr morgens). Wenn ich kann. Wenn nicht, dann an einem anderen Tag. Du entscheidest.
Ich: Ich suche keinen Sexpartner.
Er: Das habe ich nicht gesagt.
Ich: Und was willst du dann um ein Uhr morgens in meinem Haus?
Er: Reden. Ich seh’ schon, dass du schlechte Gedanken hast.
Ich: Von was?
Er: Dass ich zu dir komme. Außerdem kommt ein Mann nur soweit, wie es die Frau erlaubt.
Ich: Und ich fühle mich nicht wohl dabei, wenn du um ein Uhr Früh zu mir zum Plaudern kommst. Davon habe ich noch nie gehört. Außer von Männern, die rein Sex suchen! Ein Mann mit Anstand würde sowas nicht machen.
Er: Verurteile nicht, ohne mich zu kennen!
Ich: Deine Taten sprechen für sich.
Er: Du bist total verwirrt. Sag mir, was suchst du? Was willst du von mir? Sei klar!
Ich: Das weiß ich jetzt nicht mehr. Ich dachte, du wärst ein guter Mann.
Er: Ich bin ein guter Mann. Deshalb verurteile mich nicht. Ich habe nichts Schlechtes gemacht. Sag mir nur, was du suchst und ich sage dir, ob ich dir das geben kann oder nicht. Ich warte.

Mein Gott, was ist denn mit dem los? Ich habe ihn im Restaurant das erste Mal gesehen. Wir haben uns noch nie getroffen, geschweige denn geplaudert. “Sag mir, was du willst und sei klar” – spinnen denn jetzt alle? Woher soll ich wissen, was ich von dem will. Und ich soll klare Aussagen machen. Gut ich verfasse schnell einen Standardtext:

Hallo XY. Ich habe dich gesehen. In den 2 Sekunden hatte ich ein gutes Gefühl. Ich würde dich jetzt gerne tagsüber sehen und mit dir sprechen. Vielleicht sogar einen Kaffee trinken. Sollte das Gespräch toll sein, würde ich dich gerne wieder sehen, vielleicht könnten wir ins Kino gehen. Solltest du ebenfalls gerne Filme sehen, könnten wir uns auch gerne mal einfach ungezwungen über Filme unterhalten, z.B. welche dir gut gefallen und welche nicht. Wenn du das dann auch noch begründen kannst, sehe ich gute Chancen, dass wir öfter gemeinsam ausgehen. Sollte das ebenfalls Spaß machen, könnte ich mir vorstellen, dass wir uns dann zu gegebener Zeit küssen. Je nach dem wie das so läuft, stelle ich mir weitere körperliche Zuneigung vor. Sollte auch das super klappen und du dich ausschließlich mit mir treffen, würde ich gerne eine Beziehung mit dir führen. Wir werden dann weiterhin einige Zeit miteinander verbringen, ins Museum gehen, uns über Bücher unterhalten, die wir beide gelesen haben, du lernst meine Freunde kennen, ich deine, wir werden uns besser kennen lernen, wir werden gemeinsame Reisen unternehmen, dir wird das erste mal ein Furz entfleuchen, ich werde dir sagen, dass ich das nicht so anregend finde und dich bitten, das in Zukunft zu unterlassen. Ich werde dich das erste Mal weinen sehen, Moment nein, Machos weinen nicht. Ich werde das erste Mal weinen und du tröstest mich. Weitere Krisen bewältigen wir gemeinsam wie z.B. meine Aufenthaltsgenehmigung in Nicaragua. Ich werde dann Ausreisen müssen, während du ohne weiteres auf mich wartest und dann wirst du mich fragen, ob ich dich heiraten will. Ich werde dir um den Hals fallen. Wir heiraten dann und bekommen Kinder. Ich bin mir noch nicht sicher wie viele. Wir ziehen die Kinder zweisprachig groß. Inzwischen bringt dein Kellnergehalt und deine weiteren 3 Jobs so viel, dass wir regelmäßig nach Österreich reisen. Die Kinder werden flügge. Wir lieben uns inständig bis ins hohe Alter. Wir werden Arm in Arm gemeinsam sterben. Wir werden nebeneinander begraben. Selbst im Jenseits sind wir unzertrennlich. Genau so stelle ich mir das vor. Ich weiß die Unklarheit – wie viele Kinder ich will – ist ein Problem, aber no buddy is perfect. Richtig?

Kurz nach Mitternacht falle ich genervt und hundemüde ins Bett. Der Kellner schickt mir noch diverse Gute-Nacht-SMS.

Mittwoch verbringe ich den ganzen Tag in meinem Zimmer und überarbeite noch ein mal die Vorlesung. Ich bin ganz schön aufgeregt und freue mich sehr auf den heutigen Abend. Der Vortrag ist öffentlich, deshalb habe ich alle Bekannten eingeladen. Neben 3 Klassen des Studienzentrums sind Jamie und Emma gekommen, etwas später auch Marianka. Ich habe über “Traditionelles Wissen und die Rolle des Dokumentarfilms” gesprochen. Der Vortrag ist super verlaufen. Die Studentinnen waren sehr interessiert und fast jede hat eine Frage im Anschluss gestellt, so dass wir 35 Minuten lang eine interessante Diskussion geführt haben. Normal bin ich es gewohnt, dass 1-2 Personen Fragen formulieren, ich war deshalb sehr erfreut, dass sich alle so intensiv eingebracht haben, auch Jamie und Emma. Kate hat mir mehrere Male gratuliert und ihre Freude über die erfolgreiche Gastvorlesung bekundet. Vor ein paar Tagen noch hat sie gesagt, dass die meisten Gastvorträge eher mau seien. Nach meinem Vortrag hat sie der Koordinatorin des Programmes geraten mich öfter zu engagieren, weil ich die Studentinnen mit der Aufbereitung des Themas so mitgerissen habe. Ich habe meine Gage in Empfang genommen und denke ernsthaft darüber nach öfter Vorlesungen zu halten. Es gefällt mir sehr.
Danach hat mich Kate und Miriam Tocino mit Toalla und einem Freund abgeholt und wir sind ins Restaurant Imbir essen gegangen. Ich habe ganz vergessen, dass Jamie und Emma ihr romantisches Dinner dort verbracht haben. Als wir nach 2 Stunden zahlen, sagt Kate: “Maggie deine Freunde!” Ich dreh mich um und da fällt es mir wieder ein. Tocino sagt, er wolle die Beiden schnell grüßen. Ich rufe “Nein, nein, nein. Verdammt. Das ist ihre Nacht. Ich hoffe wir haben es nicht ruiniert.” Dann sind wir in eine Cantina mit dem Namen “Al fondo blanco”. Als wir rein sind, habe ich zu Tocino gesagt: “Ein Bier und tschüss.” 3 Stunden später haben wir Karaoke gesungen. Es kommt manchmal nicht auf das Lokal darauf an, sondern mit welchen Leuten du dort bist. Es war super lustig und ein toller Abend. Toalla hat mit mir Salsa getanzt. Er ist nicht der schlechteste Tänzer, soviel steht fest. Ich bin als erste nach Hause. Die anderen haben noch weiter gesungen.

Eigentlich habe ich mit Toalla um 10 Uhr an der Kathedrale ausgemacht. Wusste aber vorher schon, dass er nicht kommen wird. Also bin ich ins Desayunazo und habe gefrühstückt. Gegen Mittag hat sich Tocino gemeldet und wir sind ins Sesteo und haben geplaudert, während er Mittag gegessen hat. Danach sind wir ins Bauhaus (Sinsa) und haben Plastikrohre für meinen Garten eingekauft. Die Pflanzen wachsen extrem. Ich muss vor allem die Gurken abstützen. Danach sind wir nach Hause zu Tocino und haben Kaffee getrunken, dann sind wir in die Stadt spaziert mit Toalla und wollten auf das Dach der Kathedrale. Es war leider schon zu spät, also sind wir ins Museum Ruben Darío. Danach bin ich nach Hause, da wir um 19 Uhr bei Jamie und Emma zum Essen eingeladen waren. Die 2 Venezolaner sind 30 Minuten zu spät aufgetaucht. Toalla und ich liefern uns einen verbalen Schlagabtausch. Tocino sagt zu Emma und Jamie, dass es mit uns kaum auszuhalten sei. Toalla und ich müssen lachen. Dann im Olla Quemada haben wir sofort getanzt und die leere Tanzfläche ausgenützt. Gegen 22 Uhr wird es immer so voll, dass man sich kaum bewegen kann. Sein Versprechen, dass wir tanzen bis ich nicht mehr stehen kann, hat er nicht gehalten, aber wir haben fast jeden Tanz gemeinsam getanzt. Er ist nicht sonderlich attraktiv, aber trotzdem fliegen die Frauen auf ihn. Das muss sein Gehabe sein. Als wir  von der Tanzfläche zurück kommen, fängt ihn ein Mädel ab. Sie fragt ihn, ob er ihrer Freundin Salsa beibringen kann. Er kommt zu mir und berichtet mir davon. Ich sage, er soll es doch tun, ich hätte nichts dagegen. Nach 2 Tänzen kommt er zurück und meint, es wäre Zeit wieder richtig zu tanzen. Das hat natürlich geschmeichelt.  Um Mitternacht verabschiede ich mich, da ich morgen um 7 Uhr nach Managua fahren muss. Toalla sagt, sobald ich zurück bin, soll ich mich melden. Er würde mich zu einem Abenteuer entführen.

Das schriftliche Auswahlverfahren in Managua ist schrecklich verlaufen. Ich musste eine Rede der Botschafterin über die Krise in der EU von deutsch auf spanisch übersetzen. Ich habe weder Spanisch studiert, noch bin ich professionelle Dolmetscherin. Ich ärgere mich etwas, dass sie mich überhaupt dazu eingeladen haben und fahre sehr enttäuscht zurück nach León. Um 12:30 Uhr komme ich an. Toalla erwartet mich schon und entführt mich zu dem besagten Abenteuer. Ich frage mich noch, was es sein könnte. Er kennt sich in León ja nicht sonderlich aus. Wir spazieren ins Stadtzentrum und zum Revolutionsmuseum. Hmmm, denke ich mir noch. Was will er mir da zeigen. Da quaselt er geheim mit den Guides dann winken sie uns durch den Eingang. Toalla nimmt mich an die Hand und erklimmt diverse Treppen des Gebäudes, bis wir schließlich am Dach stehen. Ich war dort schon mal vor 3 Jahren. Es ist sehr gefährlich, da das Dach an diversen Stellen Löcher hat und einsturzgefährdet ist. Die Aussicht ist aber einfach fantastisch. Man hat freie Sicht auf die neu angestrichene weiße Kathedrale und sieht auf der anderen Seite bis nach Sutiaba. Wir balancieren bis ans Ende des Daches. Das Wellblech knackst unter unseren Füßen. Er hatte Recht ein wahres Abenteuer. Der Wind hat mir das T-Shirt aufgeblasen und die Haare vor’s Gesicht geworfen. Ich konnte trotzdem nicht aufhören Fotos zu schießen. Toalla hatte seine Freude, dass es mir so gut gefallen hat. Er hat mich umarmt und gesagt, ich soll das verdammte Telefon wegpacken. Dann hat er mir meine Haare aus dem Gesicht gestrichen und mich geküsst. Ein verdammt romantischer erster Kuss war das. Im Anschluss hat er mich zu einem Smoothie eingeladen. Wir haben für Tocino ein Eis bei “Kiss Me” gekauft und sind dann mit der Ruta (Bus) zu Tocinos Haus gefahren. Der Busfahrer ist so wild gefahren, dass ich mich mit dem Eis kaum halten konnte. Toalla musste sich selbst richtig festhalten, damit er nicht umfällt. Wir mussten laut lachen. Nach dem wir das Eis abgeliefert haben, bin ich nach Hause und habe ein bisschen in meinem Garten gearbeitet. Um 20.30 Uhr war ich aber schon wieder im Haus von  Tocino, da er und Toalla Arepas für mich und Emma, Jamie und Cena gekocht haben. Es war fantastisch. Das Essen hat verdammt gut geschmeckt. Danach sind Toalla, Tocino und ich ins Vía Vía. Wir hatten noch kaum einen Tisch, da hat mich Toalla schon auf die Tanzfläche entführt. Tanzen mit ihm macht sehr viel Spaß. Tocino war nicht sonderlich gut drauf. Der Umzug macht ihm doch sehr zu schaffen. Mir auch, ich bin sehr traurig darüber. Tocino ist noch vor Mitternacht nach Hause. Toalla ist mit mir geblieben und wir wollten sogar noch ins Barbaro, allerdings hatte er seinen Schlüssel vergessen und Tocino war sehr müde. Deshalb sind wir dann alle um Mitternacht nach Hause. Toalla hat mich bis vor die Haustüre gebracht. Ich habe ihn aber nicht mitgenommen. Ich mag ihn, aber irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass er mir das geben kann, was ich suche.

Am Samstag Mittag bin ich mit Tocino  im Restaurant Katu Paella essen gegangen. Es war ganz okay, aber viel zu ölig. Danach sind wir an den Strand wo Toalla schon auf uns gewartet hat. Wir sind schwimmen gegangen und haben ein Bier getrunken. Noch vor Sonnenuntergang sind wir zurück nach Hause. Denn am Abend war Tocinos Abschiedsfeier im Restaurant Imbir. Danach sind wir alle ins Big Foot Hostel Caribbean Night und gegen Mitternacht in The Reef Bar, die pump voll war. So habe ich die Disco noch nie erlebt. Mein Bekannter aus Managua war ebenfalls dort mit seinem Date. Sie haben nicht sonderlich entspannt gewirkt. Er meinte er müsse mir dann später alles in Ruhe erzählen. Wir kommen kaum zum Quatschen. Zwischen Toalla und mir ist es ein hin und her wie in einem schlechten Liebesfilm. Einerseits mögen wir uns andererseits haben wir total unterschiedliche Vorstellungen, was wir voneinander wollen. Kurz bevor wir das Lokal verlassen, ist die Chemie verflogen. Im Taxi sprechen wir kaum. Er fragt mich noch, ob es das jetzt für mich war. Ich habe keine Antwort darauf. Da ich auf der Rückbank in der Mitte sitze, muss Toalla aus dem Taxi aussteigen, damit ich raus kann. Ich verabschiede mich bei ihm, da schreit Tocino, der Taxifahrer soll los fahren. Ich rufe ihnen noch nach, dass er stehen bleiben soll. Da brausen sie schon davon. Ich schaue stinksauer Toalla an. Er sagt, er kann nichts dafür. Er wüsste gar nicht, was überhaupt passiert sei. Wir unterhalten uns kurz vor der Tür und verlaufen uns schnell in einer Diskussion bis wir lauthals argumentieren. Am Ende wissen wir gar nicht mehr, wer was gesagt hat. Offensichtlich funktioniert es nicht. Warum kann man es an der Stelle dann nicht einfach beenden? Tschüss mach’s gut. War nett mit dir.
Tocino hat es schon richtig analysiert. Es ist eine Hassliebe. Auf der einen Seite könnte ich ihn auf die Wand klatschen und auf der anderen Seite würde ich ihn am liebsten 24 Stunden umarmen, wenn er nicht so blöd tun würde. Ihm geht es mit mir genauso. Im Moment sind wir an dem Punkt, wo wir uns gegenseitig am liebsten umbringen würden. Er schaut mich an, schüttelt den Kopf und sagt, er sei völlig verwirrt. Dann dreht er sich um und geht.  Ich schaue ihm kurz nach, dann gehe ich ins Haus und schlafe, ohne dass mir diese Aktion den Schlaf geraubt hat.

Sonntag war der große Tag, an dem Tocino aus seinem Haus ausgezogen ist, also musste auch Toalla eine neue Unterkunft finden. Erst dachte ich, ich würde Toalla nicht wiedersehen. Doch Charlos hat mich beim Mittagessen mit Cena gefragt, ob ich Toallas großen Rucksack in meinem Haus unterstellen kann, solange er die nächsten Tage am Strand ist. Ich habe ihm also eine Nachricht geschrieben: “Hallo Roadrunner! Hast du dich beruhigt?” Später als er mir den Rucksack vorbeigebracht hat, fragt er mich, was ich jetzt mache. Ich sage, ich gehe einen Kaffee trinken. Er kann mitkommen. Er meint er müsse einkaufen im Supermarkt. Ich bringe ihn zum Supermarkt. Ich verabschiede mich. Er hält mich zurück und erklärt in einem kurzen Gespräch, dass es nichts bringt weiter zu kokettieren, wenn dann nichts läuft. Daraufhin meinte ich, also mir hat es schon etwas gebracht,  ich hatte eine tolle Woche. Daraufhin meinte er, wir müssten aber zu einem Abschluss kommen (körperlich). Er war 3 Monate unterwegs und ich könnte Teil seines Abenteuers sein, sowie Tocino, der sei auch Teil seines Abenteuers. Die Logik ist sehr interessant, ich bin also NOCH nicht Teil des Abenteuers, obwohl ich gleich viel Zeit mit ihm verbracht habe. Ich frage ihn, ob es ihm dann lieber ist, wenn ich ihn gehen lasse. Er sagt: “Ja.” Ich sage: “Okay. Also dann…” Er sagt schnell: “Nein.” Perfekter Dialog für eine Telenovela. Er ringt nach Worten. Als er sie nicht findet, geht er und ruft mir noch “Ciao” zu. Ich muss lachen. Er dreht sich nach 10 Metern um, ich bin schon ein paar Schritte weiter, ich muss immer noch lachen. Er lacht auch.
Ich bin ins Sesteo und habe einen Cappuccino bestellt. Keine 20 Minuten später setzt er sich an meinen Tisch und trinkt mein Leitungswasser. Es ist für uns Beide nicht einfach loszulassen. Wie verrückt, wenn man denkt wie kurz das Kennenlernen überhaupt war. Er bestellt sich nichts. Er wiederholt seine Argumente. Ich höre zu. Nach 5 Minuten steht er auf, fragt mich, wo die Bushaltestelle sei, ich zeige ihm die Richtung und dann höre ich erneut ein “Ciao” und kann ihm 100 Meter nachschauen, wie die Distanz zwischen uns größer und größer wird. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es schmerzt, aber es war verdammt viel Melancholie in der Luft.

Abschließend ist zu sagen, dass ich schon lange nicht mehr so gelacht habe wie in dieser Woche. Ich bin so dankbar, dass Toalla kurzzeitig eine gewisse Lücke gefüllt hat, die Noel hinterlassen hat. Es war schön, mich mit ihm zu treffen und soviel Zeit miteinander zu verbringen, herumzublödeln, kleine Abenteuer zu erleben, zu tanzen. Schade, dass wir letzten Endes so unterschiedliche Ansichten haben, was wir wirklich wollen. Fortsetzung folgt…

MEINE FREUNDE
Noel (25): mein bester Freund (Nicaragua)
Tocino (Carlos, 38): mein sehr guter Freund – Chef eines Pharmalabors (Venezuela)
Jamie (28): Arzt – Freund von Emma (England)
Emma (28): meine Freundin – Freundin von Jamie (England)
Kate (30): Ehemalige Mitbewohnerin – Seminarleiterin des norwegischen Austauschprogramms (Kanada)
Cena (31): Englischlehrerin – Freundin von Tocino (USA)

MEINE VEREHRER
Toalla (26): Bekannter von Tocino (Venezuela)
Kellner (): Restaurant Yavoy (Nicaragua)

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