TAGEBUCH WOCHE 12 + 13

Woche 12 war besonders intensiv. Montag war die Präsentation von Noels Bachelorarbeit. Er hat mich gebeten das Catering und die Dekoration zu übernehmen. Ich bin früh aufgestanden, habe Avocados, Blumen, Joghurt, Salami, Käse und Brot gekauft. Dann bin ich nach Hause und habe alles zubereitet. Guacacamole und Eiersause eingepackt und dann mit vier weiteren Säcken zur Uni gefahren. Meinem Perfektionismus kamen diverse Ereignisse in die Quere: wir mussten zweimal den Raum wechseln, alles wieder einpacken, im nächsten Raum wieder aufstellen und dann als wir im richtigen Raum waren, wurde der fertig dekorierte Tisch von den PrüferInnen okkupiert und ich musste das Essen zur Seite räumen, während sie den Tisch nutzten, um Notizen zu machen. Am Ende war mir alles wurst. Organisierter Perfektionismus ist in Nicaragua eben nicht möglich.
Noel hat die Präsentation perfekt gehalten und auf die Fragen professionell geantwortet. Nach einer kurzen Besprechung wurde ihm gesagt, dass er bestanden hat. Um 16:15 Uhr sind wir ins Haus seiner ältesten Schwester Maggy und haben ihren Geburtstag gefeiert. Jedoch nur kurz, denn um 18:30 Uhr sind wir mit Sack und Pack nach Managua. Gegen 20:30 Uhr waren wir im Hotel und fix und fertig von dem anstrengenden Tag. Noel hat seinen Koffer umgepackt und dann nach ein bisschen Quasselei sind wir auch schon eingeschlafen. Die letzten Tage waren vollgepackt mit Vorbereitungen für die Präsentation und die Abreise. Wir konnten Beide noch nicht richtig glauben, dass er morgen Früh schon abreisen wird.

Der Wecker klingelt um 4:15 Uhr morgens. Ich war noch hundemüde. Noel ist als erster ins Bad gegangen, so konnte ich noch 15 Minuten rausschlagen. Das Frühstück war mit zwei Toastscheiben und Butter und einen Kaffee sehr überschaubar. Wir wurden mit noch 4 anderen zum Flughafen gebracht. Die Schlange am Schalter war endlos und erst 1,5 Stunden später hatten wir das Gepäck eingecheckt. Ich habe mir noch schnell einen ordentlichen Kaffee im Casa del Cafe gekauft, dann waren wir auch schon vor der Passkontrolle. Wir haben ein Selfie geschossen, uns fest umarmt, noch ein paar Wünsche für den anderen formuliert und weg war er, ziemlich unspektakulär. Er hat mir gesagt, dass er mir vom Fenster aus winken wird, sobald er die Kontrolle passiert hat. Ich habe mich in den großen Raum gesetzt und gewartet. Nach einigen Minuten sehe ich ihn am Fenster im ersten Stock stehen. Nach 2 Minuten macht er eine Verabschiedung wie ein Soldat: Handfläche ausgestreckt an der Stirn, dann lässt er den Arm abrupt fallen, dreht sich um und geht. Das war einfach zu viel. Die Tränen sind mir schon über die Wangen gelaufen. Ich konnte mich aber nicht lange mit meiner Trauer aufhalten, da der Shuttle, der uns um 4:30 Uhr zum Flughafen gebracht hat, die 2. Gruppe abgeliefert und mir versprochen hat, dass er mich zur Bushaltestelle UCA bringen wird. Von dort aus habe ich dann den Microbus (Interlocal) nach León genommen, noch ein paar Tränchen verdrückt und dann bin auch schon um 9:00 Uhr morgens wieder in meinem Haus gewesen.
Am Nachmittag hat sich Mario bei mir gemeldet, ich war aber nicht in der Stimmung über die Arbeit zu quatschen. Er hat mich später bei einer Bohnensuppe in der Kakerlake aufgemuntert. Vorher war ich erneut im Krankenhaus einen Urintest machen. Die Infektion ist zurück. Das nervt mich extrem. In der chinesischen Medizin bedeutet Blaseninfektion Trennung/Abnabelung von einer Bezugsperson. Ja gut, das passt ja auf meine Lebenssituation. Ich kontaktiere erneut meinen Arzt Dr. Morales, er liest die Testergebnisse und verschreibt mir Medizin.

Die darauffolgenden 10 Tage könnte man als klassische Lebenskrise bezeichnen. Ich hatte zu null Bock, wenn ich außer Haus war, war ich keine besonders gute Gesellschaft. Ich stelle mir erneut viele Fragen, die mich im Grunde nicht weiter bringen. Ich war einfach nicht gut drauf. Ich habe mich mit Arbeit eingedeckt und tagsüber in meinem dunklen Zimmer vor meinem Computer verbracht. Gespräche mit Freunden am Abend waren mir zu öde, ich konnte den Geschichten kaum folgen. Am Samstag Abend war ich alleine Essen im Restaurant Yavoy und anschließend gegen 21:00 Uhr Einkaufen im Supermarkt. Ich bin zufällig auf Fran und Marianka gestoßen. Wir haben uns noch lustig darüber gemacht, wie öde wir doch wären, an diesem Tag und um diese Uhrzeit – Einkaufen im Supermarkt. Tocino ist schlussendlich eingeschritten, als ich gesagt habe, ich würde kurz vor 22:00 Uhr schlafen gehen. Ich musste mich anziehen und mit ihm auf ein Ska-Konzert gehen, immerhin sei es Samstagabend und wir keine alten Säcke. Gut, da bin ich mir im Moment nicht so sicher.

Abgesehen von meiner miesen Laune, habe ich in Woche 13 mein Visa verlängert. Erst wurde ich gefragt, was ich hier mache. Aus einem dummen Reflex heraus habe ich gesagt, ich würde studieren. Wie das passieren konnte, weiß ich nicht. Sie haben dann eine Bestätigung der Uni verlangt. Die habe ich natürlich nicht. Im Anschluss war ich wieder 3 Stunden vor meinem Computer eine Bestätigung fälschen, die ich vor 2 Jahren von der Uni erhalten habe. Eine Nacht darüber geschlafen hatte ich aber kein gutes Gefühl dabei, diese abzugeben. Ich bin am nächsten Tag erneut zur Migrationsstelle in León und hab ihm erklärt, dass ich vor 2 Jahren hier studiert habe, habe ihm das Dokument gegeben und nach 30 Minuten Verhör, wurde schließlich mein Antrag angenommen. In einer Woche kann ich meinen Pass abholen. Er wird jetzt nach Managua gebracht und soll mit dem Stempel am 16. März zurück kommen.

In der 2. Woche hat sich langsam meine Laune verbessert. Ich habe ein Plakat für die Vermietung des Zimmers 4 entworfen und es in diversen Lokalen Leóns aufgehängt. Ich hatte meinen ersten Airbnb-Gast für 3 Tage im Haus und habe mir schon meinen Anteil mit großen Dollarzeichen in den Augen ausgerechnet. Am Donnerstag ist sie ausgezogen, in dem Moment bekomme ich eine neue Nachricht von Airbnb, dass ein Pärchen das Zimmer kurzfristig für eine Nacht mieten will. Also habe ich schnell das Zimmer gereinigt und es den Beiden eine Stunde später mit noch größeren Dollarzeichen in den Augen zur Verfügung gestellt.

Außerdem war ich auf der Uni, auf der ich in 2 Wochen einen Vortrag halten werde. Kate hat mich inzwischen genau instruiert, welches Thema sie sich vorstellt “Knowledge transfer and indigenous communities in Nicaragua” und letzten Endes bin ich sehr zufrieden damit. Ein großer Teil beschäftigt sich mit den Rechercheergebnissen meiner Dokumentation und wie die Indigenen Gruppen ihr Wissen weitergegeben haben. Ich freue mich auf die Vorbereitung und werde in der nächsten Woche damit starten und auch im Tagebuch mehr darüber schreiben.

Der Erfolg in meinem Garten ist kaum zu übersehen. Inzwischen habe ich sehr erfolgreich Kürbis, Zitronengras, Basilikum, Oregano angebaut. Des Weiteren wächst Wassermelone, Honigmelone, Tomate, Gurke, Chiltome und seit neuestem Knoblauch, diese Tragen aber noch keine Früchte. Meine Mitbewohnerin Milou weißt mich jeden Tag daraufhin, dass ein Kürbis schon seit Tagen nicht mehr größer geworden ist und sie denkt, ich sollte ihn ernten. Ich habe es noch nicht gemacht. Ich würde gerne ein großes Pastaessen für meine Mitbewohner und Jamie und Emma und Carlos veranstalten. Aber ich erinnere mich noch wie viel Arbeit das Barbecue war und keiner hat geholfen. Vielleicht fällt mir ein gutes Kürbisrezept in die Hände, für das ich allein für eine Person einen ganzen Kürbis brauche, dann wird es Zeit, den Burschen zu ernten.

Nicht alle Abende waren in den letzten zwei Wochen schrecklich. Alan hat ein Abschiedsessen in seinem Haus organisiert. Tocino, Emma, Cena und ich waren eingeladen. Später kamen noch zwei Freunde von Alan, Álvaro und Marcio. Alan hat Pizza bestellt. Mir war’s recht. Ich habe reingehauen und mich sehr gut mit Álvaro unterhalten. Er arbeitet in einem Printcenter. Eventuell brauche ich noch seine Hilfe –  ergo Mitarbeiterrabatt – wenn ich meine Visitenkarten drucken lasse. Außerdem sind wir Nachbarn. Er wohnt nur zwei Eingänge von mir entfernt. Alan ist ungefähr vor 15 Jahren das erste Mal nach Nicaragua gekommen. Er hat Bekanntschaften gemacht, die er heute seine Familie nennt. Ganz Blicke ich aber noch nicht ganz durch, wie und was er hier macht. Er hat sich ein Haus in einem Luxusviertel von León gekauft und verdammt schön eingerichtet. Während man in seinem Haus ist, verliert man für einen Moment das Bewusstsein, dass man sich eigentlich in Nicaragua befindet. Sein Einrichtungsstil entspricht sehr meinem Geschmack, deshalb haben wir uns lange über diverse Details seines Hauses unterhalten und wo er denn die schönen Möbel gekauft hat.

Außerdem hatte ich eine große Tarantel in meinem Zimmer zu Besuch. Ich wollte sie mit einem Becher einfangen, dass dieser viel zu klein war, habe ich erst gemerkt, als sie quer durch meinen Raum gelaufen ist. Sie war überraschend schnell, so dass ich laut aufschreien musste. Sie hat sich auf der anderen Seite meines Raumes niedergesetzt. Ich konnte sie aus Angst sie zu verlieren nicht aus den Augen lassen. Schlafen wäre somit unmöglich gewesen. Nach zwei Minuten stillem Anschweigen, habe ich eine Schüssel aus der Küche geholt. Als ich sie über die Tarantel gestülpt habe, ist sie mir entwischt und die Wand hochgelaufen. Das war vielleicht grauenhaft. Beim 2. Versuch hat es dann endlich geklappt. Schnell habe ich einen Karton auf die Unterseite gedrückt. Ich konnte die Tarantel aber genau fühlen, wie sie quasi auf meiner Handfläche sitzt. Im Garten habe ich sie über die Mauer auf das andere Gründstück geworfen. Ein Schauer ist mir über den ganzen Körper gelaufen, während ich genau inspiziert habe, ob die Spinne noch da ist.

Am Samstag hat mich mittags Carlos verwöhnt und für mich gekocht. Es war ausgezeichnete Pasta mit Hühnchen. Nach einer kleinen Siesta sind wir zur Eisdiele “Kiss Me” und haben uns zwei Kugeln Eis gegönnt. Alexander, mein Verehrer, musste arbeiten und war folglich dort. Er hat mir noch ein paar Mal nach der Salsanacht geschrieben. Auf ‘Hallo’ zu antworten, war mir aber meistens zu anstrengend. Ich hätte einen Freund gebraucht – wie Noel – der anstelle von ‘Hallo, wie geht’s?’ – ‘in 30 Minuten La Cucaracha’ schreibt. Wie ich die Zwetschge doch vermisse und seine Spontanität. Da werden keine Fragen gestellt, sondern gleich Verabredungen ausgemacht. Wie ich es liebe! Alexander lächelt mich immer noch wie ein Honigkuchenpferd an. Ich sage ihm nicht, dass ich ihn gestern Nacht Hand in Hand mit seiner Verehrerin, die damals mit ihm Salsa getanzt hat, gesehen habe. Anschließend waren wir im Restaurant Mirador und haben uns den Sonnenuntergang angeschaut. Es ist doch jedes Mal etwas ganz besonderes, das Farbenspiel zu beobachten.

Abschließend ist zu sagen, dass die letzten zwei Wochen gefühlsmäßig wie Kaugummi waren. Den ganzen Tag im Haus zu sein, hat mich genervt, beim Gedanken das Haus zu verlassen, war ich ebenfalls genervt. Ich hatte das Gefühl als wäre nichts passiert in den letzten 2 Wochen, jedoch war ich im Grunde ständig beschäftigt. Es sind einige Dinge und Zusammenhänge aus meiner Vergangenheit aufgetaucht, die einen Abschluss verlangt haben. Aufmunterung folgte erst auf das Einnehmen von Bachblüten – Danke an meine Mama – und auf ein langes Telefonat mit Noel sowie einem Freund in Schweden und auf eine neue Herausforderung, die eventuell schon bald auf mich wartet. Inzwischen fühl’ ich mich besser. Nach oben hin ist aber noch Spielraum. Fortsetzung folgt…

Noel (25): mein bester Freund (Nicaragua)
Guadalupe (35): Noels Schwester – lebt in Costa Rica (Nicaragua)
Geraldine (38): Noels Schwester – lebt in Costa Rica (Nicaragua)
Maggy (45): Noels älteste Schwester (Nicaragua)
Maritza: Noels Mama (Nicaragua)
Mario (25): mein Rechercheassistent (Nicaragua)
Dr. Flavio Morales: Arzt für innere Medizin (Nicaragua)
Kate (30): Ehemalige Mitbewohnerin – Koordinatorin des norwegischen Austauschprogramms (Kanada)

Tocino (Carlos, 38): mein sehr guter Freund – Chef eines Pharmalabors (Venezuela)
Alan (63): Freund von Carlos – Tourguide in Nicaragua (USA)
Álvaro (25): Freund von Alan (Nicaragua)
Marcio (27): Freund von Alan (Nicaragua)
Cena (31): Englischlehrerin – Freundin von Tocino (USA)

Fran (38): Mariankas Lebensgefährte (Nicaragua)
Marianka (37): meine Freundin (Polen)

Rachel (28): Privatlehrerin – meine Mitbewohnerin (USA)
Jimmy (27): Lehrer bei Toefl – mein Mitbewohner (Holland)
Milou (23): Freundin von Jimmy – meine Mitbewohnerin (Holland)
Jamie (28): Arzt – Freund von Emma (England)
Emma (28): meine Freundin – Freundin von Jamie (England)

Alexander (25): mein Verehrer – arbeitet in der Eisdiele ‘Kiss Me’ (Nicaragua)

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s