Tagebuch Woche 10

Heute habe ich es endlich geschafft Oscar im Krankenhaus zu besuchen. Er liegt seit 3 Monaten mit dem Gullain-Barré Syndrom in der staatlichen Klinik Heodra in León. Marianka hat mich vormittags kontaktiert, ob ich sie begleiten will. Sie hat ihn schon öfter besucht. Der Zustand des staatlichen Krankenhauses war schon an und für sich ein kleiner Schock, aber als ich Oscar auf der Intensivstation gesehen habe, musste ich erstmals tief Luft holen. Er liegt auf einem luftgepolsterten Bett. Er hat extrem abgenommen. Er war früher schon dünn, jetzt ist er nur noch Haut und Knochen. Die Schulterknochen stechen aus seiner Haut hervor. Seine Haare sind ca. 10 cm gewachsen und stehen ab wie ein Afro. Im ersten Moment habe ich ihn gar nicht erkannt. Ich stelle mir Oscar immer noch so vor wie vor der Krankheit. Er war stets gestylt, perfekte Frisur, trendiges Outfit und Zahnspange. Der Oscar, der regungslos mit geschlossenen Augen im Luftbett liegt, hat mit dem Oscar aus meiner Erinnerung nichts gemeinsam. Selbstverständlich war mir klar, dass ihn die Krankheit sicherlich mitgenommen hat, aber von der Realität bin ich erschüttert und überfordert. Ich bin heilfroh, dass er mich nicht gesehen hat. Ich hätte nicht gewusst, wie ich reagieren soll. Die Ärzte haben gesagt, dass wir nur einzeln mit Schutzkleidung und Mundschutz rein dürfen. Wir mussten also wieder raus. Als ich dann alleine hinein bin, hatte er seine Augen geschlossen. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen soll. Sollte ich ihn berühren, was soll ich sagen, vielleicht erkennt er mich nicht mehr. Ich bin schnurstracks wieder raus und habe gesagt, Marianka soll vorerst reinschauen. Im Aufenthaltsbereich habe ich mich mit seiner Schwester unterhalten. 20 Minuten lang habe ich mir überlegt, was ich denn Oscar sagen werde, wenn ich ihn sehe. Mir war flau. Marianka kommt raus und sagt, dass er nicht geschlafen hat, sondern nur die Augen geschlossen hatte. Ob ich denn wirklich rein wolle, oder vielleicht einfach beim nächsten Besuch. Sie ist sehr sensibel, außerdem Psychologin. Sie hat natürlich gemerkt, dass mich sein Zustand etwas überfordert hat. Ich habe sie gefragt, ob er weiß, dass ich hier bin. Sie hat es ihm erzählt, meinte sie. Na dann, war für mich klar, dass ich reingehen werde und zumindest “Hallo” sage. Alles Weitere wird sich dann schon ergeben.
Oscar hat mit weit geöffneten Augen auf mich gewartet. Den Kopf hatte er schon in meine Richtung gedreht und mich freudig beobachtet, wie ich auf die andere Seite des Bettes gewandert bin. Ich habe ihn gefragt, ob er denn noch wüsste, wer ich bin, da hat er lautlos über’s ganze Gesicht gelacht und mit dem Kopf eifrig genickt. Immer, wenn wir uns gesehen haben, habe ich Oscar mit  Seitenhieben ein bisschen provoziert. Wir waren nicht die besten Freunde, aber wir haben hin und wieder gequatscht, ein paar Scherze gemacht. Außerdem haben wir eine Verbindung über den Studienaustausch. Oscar hat wie Noel in Salzburg Tourismus studiert und spricht Deutsch.
Ich habe ihm erzählt, dass ich schon früher kommen wollte, aber dann Dengue Fieber hatte und ebenfalls im Krankenhaus war. Wir haben über die Zugänge gesprochen und wie weh es tut, wenn sie eine neue Vene suchen müssen. Er nickt mit dem Kopf in Richtung seines Armes. Ich hebe das Leintuch hoch und sehe die Nadel in seinem Arm stecken.
Seine Heilung macht Fortschritte. Erst war Oscar komplett gelähmt. Inzwischen kann er seinen Kopf bewegen. Letzte Woche wurde ihm der Sauerstoffzugang im Hals entfernt. Er atmet jetzt selbst. Außerdem lernt er gerade wieder zu schlucken. Essen und Trinken kann er aber noch nicht selbst. Das soll er aber bald hinbekommen, sagen die Ärzte, dann könnte er in 3 Wochen schon nach Hause verlegt werden.
Wie ein Wasserfall erzähle ich ihm alles, was in den letzten Wochen passiert ist, dass mir Noel von seiner Krankheit erzählt hat, als ich noch in Österreich war, dass wir das Konzert für ihn veranstaltet haben, dass es ein Riesenerfolg war, dass seine Familie und Freunde dort waren, dass sich León so schnell verändert. Ich zeige ihm Fotos von dem neuen Zentralmarkt und dem im Bau befindlichen Hotel Reccoleción. Seine Augen werden größer und größer, sein Mund formt ein “O” und zeigt Erstaunen. Wenn mir ein Wort in Spanisch nicht einfällt, formt er es mit seinen Lippen. Nicht Alle kann ich erraten. Egal, Oscar versteht, was ich sagen will. Wir lachen. Ich zeige ihm weitere Fotos auf meinem Handy, welche mir meine Familie geschickt hat: meine Nichte Lena, Schnee in Österreich darunter fallen auch diverse Fotos, welche sich zufällig auf meinem Handy befinden. Alles was Oscar nicht mit seinem Körper ausdrücken kann, zeigt er jetzt mittels seiner Mimik. Sie ist sehr intensiv und in dem Moment erkenne ich den Oscar aus meiner Erinnerung wieder. Seine Persönlichkeit und sein Optimismus sind so klar in seinen Augen und in seinem Lachen zu erkennen.
Dieser Moment hat mich gepackt. Die Vorstellung von einem auf den anderen Tag plötzlich gelähmt und ans Bett gefesselt zu sein, erzeugt einen kalten Schauer. Viele Menschen würden wahrscheinlich in eine Depression verfallen. Man weiß nicht, ob Oscar ganz heilen wird, wenn ich in seine funkelnde Augen schaue, ist mir klar, dass er es schaffen wird. Ich zeige ihm Fotos von der letzten Salsanacht im Olla Quemada. Oscars Lippen formen ein Lächeln. Ich sage, es wird Zeit, dass er hier rauskommt, weil ich Tanzen will. Und dann passiert etwas völlig Unerwartetes. Oscar wackelt mit den Schultern und der Hüfte. Ich kann es gar nicht glauben und muss erstaunt laut lachen. Ich sage, gut, das hätten wir schon mal, aber mit den Haaren muss er was machen, er schaue schrecklich aus. Nicht nur Oscar ist immer noch der Alte, auch er erkennt, dass ich immer noch die Alte bin. Oscar reißt erst den Mund weit lachend auf, aber dann nickt er wissend. Ich frage ihn, ob denn hier ein Friseur im Krankenhaus erlaubt sei, dann würde ich ihm einen organisieren, ich wisse doch, wie wichtig ihm sein Äußeres ist. Er schaut sehnsüchtig verträumt, schüttelt dann aber den Kopf und zieht die Schulter nach oben. Damit will er mir sagen, dass er nicht glaubt, dass wir hier einen Friseur einschleusen können. Mir fällt in dem Moment ein, dass auch Jamie (Arzt) in diesem Krankenhaus arbeitet. Er hat letztens seiner Freundin Emma die Haare geschnitten. Das könnte eine Option sein, allerdings war Emma gar nicht zufrieden und hat Jamie den eigenwilligen Haarschnitt einige Tage nicht verziehen. Oscar lacht erneut. Nach 30 Minuten sagt die Krankenschwester, dass jetzt Schichtübergabe sei und ich rausgehen muss, ich könne dann aber wieder rein. Ich packe mein Telefon ein und sage, ich komme besser ein anderes Mal wieder, mit mehr Fotos und Geschichten. Als ich ihm über die Stirn und Haare streichle, während ich mich verabschiede, fängt Oscars Gesicht erneut an zu strahlen und er lacht wieder energisch über’s ganze Gesicht. Beim Rausgehen bleibe ich für 5 Minuten in einem Zwischenraum stehen. Ich muss kurz verarbeiten, was ich gerade erlebt habe. Alle Sorgen, die man im eigenen Alltag hat, scheinen plötzlich so pathetisch und lächerlich. Das Treffen hat mich so sehr berührt, dass ich einerseits voller Energie bin und andererseits völlig überwältigt bin von meinen Gefühlen. Ich habe Tränen in den Augen  und bin schwer bewegt, wie optimistisch Oscar sein Schicksal verarbeitet und wie interessiert und lebensfroh er den Geschichten folgt, die man ihm erzählt.
Daraufhin gehen Marianka und ich in die Kakerlake eine Bohnensuppe essen. Wir unterhalten uns lange über Oscar und seinen Zustand und wie tapfer er ist. Dann aber auch über diverse Dinge unseres Alltages. Es wird ziemlich spät. Ich komme erst abends nach Hause und muss mich dann auch schon fertig machen, um Noel im Vía Vía zu treffen. Es ist wieder Disco Bingo angesagt. Wir sind eifrige Mitstreiter. Dieses Mal hoffen wir aber, dass wir die Flasche Rum nicht gewinnen. Wir leben seit einigen Wochen strikt gesund und trinken keinen Alkohol. Nach dem die Runde startet sehen wir ängstlich, dass Noel verdammt viele Zahlen richtig hat und so gewinnt er schließlich die Flasche Rum. Als wir dann auch noch 2 Liter Bier gewinnen, können wir unser Pech nicht mehr fassen. Wir trinken schweren Herzens ein Glas Radler und laden alle Bekannten, die sich in der Bar befinden zu einem Becher Bier ein. Mario, der währenddessen Billard spielt, freut sich darüber und hält auch schon sein Glas bereit.

Bevor ich zurück nach Nicaragua gekommen bin, hatte ich mit den Eigentümern, Willem und Edwin Mailkontakt bezüglich Mietpreis, Kaution und Mietvertrag. Es war etwas kompliziert und ich dachte Oh mein Gott, ich werde mich nicht sonderlich gut mit ihnen verstehen. Einen Tag nach dem sie angekommen sind, waren wir dann aber schon unzertrennlich. Morgens warten sie im Wohnzimmer vor meinem Zimmer auf mein Erscheinen. Vor dem ersten Kaffee werden schon Dinge besprochen, die das Haus und die Erneuerungen betreffen, dann machen wir gemeinsam die ersten Erledigungen, Bankkarte organisieren, Internetvertrag ändern, ich habe ihnen versucht verständlich zu machen, dass wir alle online arbeiten. Das Uploaden meiner Bilder dauert Tage, außerdem wollen meine Leser immer auf dem neuesten Stand sein. Am Ende einigen wir uns darauf, dass sie nicht mehr Geld ausgeben, aber den Anbieter wechseln. Ab Mitte März sollten wir Fiberkabel im Haus haben. Das wird ab Anfang März in León zum ersten Mal möglich sein. Ich bin gespannt. Willem ist das Organisationstalent und sehr eifrig beim Erledigen aller Notwendigkeiten. Er spricht ebenfalls alle unliebsamen Dinge an, wie Regeln, Mietpreiserhöhung, usw. Ich nenne ihn gerne den Bad Cop. Edwin hingegen ist der Good Cop. Er kauft Blümchen und verschönert den Garten. Ich habe die Beiden schnell ins Herz geschlossen. Allerdings als Willem einen neuen Mieter für Zimmer 4 angeschleppt hat, habe ich die Krise bekommen. Er ist 65 Jahre alt, Rentner aus den USA. Als ich Steve gesehen habe, musste ich mein bestes Pokerface aufsetzen. Ich hatte kein gutes Gefühl. Irgendwas stimmt nicht mit ihm, obwohl er sich die größte Mühe gibt einen guten Eindruck zu machen. Willem zeigt ihm das Haus und sein zukünftiges Zimmer. Ich höre, wie Steve sagt, dass er den ganzen Tag auf seinem Computer zu Hause TV schaut. Bei dem Gedanken, dass er sich den ganzen Tag im Haus aufhält, wahrscheinlich im Wohnzimmer direkt vor meinem Zimmer, wird mir schlecht. Des Weiteren würde er nur sein jetziges Haus verlassen, weil er es satt hat, dass er das Pärchen, seine Mitbewohner, öfters beim Geschlechtsverkehr hört. Er sei weder Voyeur, noch möge er Pornos. Am Ende des Rundganges schütteln sie Hände und besprechen den Vertrag. Verdammt! Das muss ich verhindern, ich weiß allerdings noch nicht wie.

Am Tag darauf sind Willem, Edwin, Gert und ich 3 Bettgestelle für die Zimmer kaufen gegangen. Gert und Marijke sind Freunde von Willem und Edwin und für 2 Wochen zu Besuch in León. Marijke hat noch Probleme mit dem Klima und ist deshalb im Hotel geblieben. Außerdem waren wir in einer Tischlerei und haben Holz gekauft für Regale, die Willem selbst einbauen wird. Der Holzschnitt dauerte 1,5 Stunden für 10 Bretter, wir haben uns währenddessen einen Saft gegönnt und im Schatten gewartet. Im Anschluss waren wir noch im Park San Juan einen Hibiskusstrauchsetzling und  2 weitere Stäucher sowie Blumen kaufen. Am Nachmittag setzen Edwin und ich die neuen Pflanzen ein. Einen Tag später, als die Betten bereits im Haus waren, stellen wir fest, dass die Matratzen nicht passen. Die Gestelle sind 185 cm, die Matratzen 190 cm. Wir waren zu viert, haben 100 Mal die Breite gemessen, aber keiner kam auf die Idee auch die Länge zu kontrollieren. Man möchte meinen, es gäbe Einheitsmaße. Da wurden wir besseres belehrt. Wir sind eben nicht in Europa.

Ich warte immer noch auf den passenden Moment zu intervenieren, der Mietvertrag mit Steve darf nicht zustande kommen. Als wir vom Bettenkauf zurück im Haus sind, wartet schon Noel auf mich. Wir setzen uns und quatschen kurz. Willem erzählt stolz, dass wir einen neuen Langzeitmieter haben, eventuell bleibt er für immer. Noel fragt, wer es denn sei. Als er den Namen hört, fragt er, ob es der alte Typ aus den USA sei. Willem ist ganz überrascht und bestätigt. Noel: “Oh mein Gott, du hast dem Alkoholiker einen Mietvertrag gegeben?” Ich kann meinen Ohren nicht trauen. Daraufhin erzählt uns Noel, dass Steve dauernd in komischen Läden abhängt, viel trinkt und junge Nicaraguaner anbaggert. Selbst auf Noel hatte er es schon abgesehen und ihn bezirzt. Der Moment ist gekommen, in dem ich meine Zweifel äußere. Willem meinte, er hätte im ersten Moment schon gemerkt, dass mir Steve nicht zusagt. Edwin ist ganz überrascht, ihm ist das nicht aufgefallen. Ich muss lachen und erkläre, dass ich einfach kein gutes Gefühl habe und ich glaube, dass Steve nicht ins Haus passt. Willem sagt, er würde auch nicht mit Steve wohnen wollen. Soweit so gut, aber Willem kalkuliert natürlich wie viel sie in den letzten Tagen ausgegeben haben und dass Steve eine sichere Einnahmequelle ist. Ich sage, dass ich alles in Bewegung setze jemand Besseres als Steve zu finden. Willem gibt mir eine Chance, will aber bald Ergebnisse sehen. Zwei Tage später steht unser Airbnb-Profil und Organisationstalent Willem hat schon die Einzelheiten schriftlich aufgesetzt. Ich erhalte als Managerin des Profils 25 % des Mietpreises. Alles das über dem eigentlichen Mietpreis + meiner 25 % einbringt, geht zu 100 % an mich. Sollte ich meinen Job gut machen, könnte ich sogar meine Miete durch die Erträge begleichen und somit gratis wohnen. Dieser Mann weiß, wie man mich motiviert.
Außerdem haben Edwin und Willem mir ein Angebot gemacht, sie und Marijke und Gert an den Fluss San Juan zu begleiten. Sie haben ein Auto gemietet. Ich müsste weder Automiete noch Sprit bezahlen. Das Angebot ist verlockend, da ich noch nie dort war, dort hin muss, um Fotos und Videos für meinen Blog zu machen und ich mir die anstrengende lange Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ersparen würde. Aber eines macht mich stutzig. Ich kenne Willem inzwischen. Was erwartet er sich als Gegenleistung? Ich sage, ich werde es mir überlegen. Die Zwei unterhalten sich etwas besorgt in holländisch. Da höre ich doch glatt raus, dass sie mich überreden müssen mitzukommen, weil ich als einzige ausreichend Spanisch spreche und somit für sie als Dolmetscherin fungieren kann. Die zwei Ludern habe ich zur Rede gestellt. Lachend haben wir uns dann aber geeinigt, dass ich mitkomme. Auch für mich ist es ein guter Deal und ich freue mich schon.

Den Valentinstag verbringe ich mit meinem Schneggale. Noel und ich sind in das Peruanische Restaurant Cusco Collao, es hat das beste Ceviche in der Stadt. Wir haben eine Vorspreise geteilt und jeder hatte eine Hauptspeise. Außerdem habe ich zwei Erdbeer-Sahne-Eclairs als Valentinsgeschenk für Noel mitgebracht. Die haben wir auch vernascht. Nach dem wir mit dem Essen fertig waren, schaut mich Noel prüfend an: “Maggie, du machst noch immer ein hungriges Gesicht.” Ich lachend: “Ich bin auch noch immer hungrig. Das Essen war echt köstlich, aber die Portionen waren überschaubar.” Wir sind im Anschluss ins Restaurant Antorchas und haben Tostonesburguesas geteilt. Die Idee ist einfach fantastisch. Tostones sind fritierte Kochbananen, an und für sich liebe ich die schon so. Das Antorchas verwendet diese aber anstelle von Brot und setz in die Mitte ein Fleischbällchen, so wird daraus ein Tostones-Hamburger, einfach genial. Danach waren wir gesättigt. Am Dienstag ist meistens nichts besonderes los in der Stadt. Noel hatte aber eine super Idee. Vor kurzem wurde eine Shoppingpassage fertiggestellt. Dort befindet sich auch eine neue Bar/Disco – The Reef Bar. Sie liegt etwas außerhalb des Zentrums, also sind wir mit dem Taxi hingefahren. Die Bude war voll. Der Stil erinnert mich an diverse Lokale in Österreich, in denen sie lediglich Beton verwenden. Die Musik ist gut. Ein Teil des Lokals ist im Freien, der andere Teil wird mittels Klimaanlage gekühlt. Wir stehen an der Bar und die 19 Grad kalte Luft bläst mir direkt auf den Arm. 2 Minuten später habe ich schon Gänsehaut. Mir ist eiskalt. Alle Tische sind belegt. Das Klientel ist jung, hat Geld und ist rausgeputzt. Es wird beobachtet und abgecheckt. Tanzen will aber keiner so recht. Dafür sind wir zu cool. Plötzlich legt der DJ ‘All the single ladies’ von Beyonce auf. Noel lacht: “Alle Männer, die zu diesem Song tanzen sind zu 100 % schwul.” Wir schauen uns um. 3 Sekunden später springt ein Typ vom Barhocker und fängt an ausgelassen zu tanzen, er reißt seine Hände in die Luft und deutet wie wild auf seinen Ringfinger. Pantomimisch verkörpert er die Liedzeilen ‘If you liked it, then you shoulda put a ring on it’. Noel schaut zufrieden und sagt süffisant: “Erwischt!” Wir treffen auf Elthon, er hat mit uns das Benefizkonzert für Oscar organisiert. Außerdem ist er Mitbesitzer der Bar Mijunas und ein sehr guter Freund von Noel. Ich will ein Foto von uns Drei machen, da wird Elthon ganz wild. Er wolle heute keine Fotos machen. Noel und ich verstehen sofort. Elthon hat seit September eine Freundin. Sie sind schwer verliebt. Normal sieht man sie nur gemeinsam. Heute ist Elthon alleine unterwegs. Wahrscheinlich weiß sie das nicht. Deshalb sollte man so wenige Spuren auf Facebook hinterlassen wie möglich. Sie könnte das eventuell falsch verstehen, oder gar rasend vor Eifersucht werden, erklärt er uns. Noel und ich müssen lachen und ziehen ihn noch einige Minuten deshalb auf.

Am Mittwoch habe ich mich mit Emma in der Kakerlake auf eine Bohnensuppe getroffen. Es war ihr erstes Mal und es hat ihr sehr gut geschmeckt. Danach waren wir im Via Via und haben über Beziehungen gequatscht. Ich habe schon ein paar Pärchen wie Jamie und Emma auf meinen Reisen getroffen. Als Außenstehender sieht man sofort, dass sie füreinander bestimmt sind und zusammen gehören. Die Beiden selbst sind aber schon so lange zusammen, dass sie sich selbst nicht mehr so sicher sind. Meist sind sie vor solchen Abenteuern an der Stelle, an der sie sagen, entweder wir trennen uns nach dieser Reise oder wir heiraten und bekommen Kinder. Das gemeinsame Abenteuer nach León zu gehen oder generell eine lange Reise zu machen, schweißt die Partner aber ungemein zusammen, so dass eigentlich alle, die ich getroffen habe, auch heute noch zusammen sind und die meisten geheiratet und auch Kinder haben. Beim Ausgehen kann ich manchmal beobachten, wie Jamie und Emma für 30 Minuten oder länger intensiv quatschen. Auf die Frage, ob es Probleme gäbe, antwortet Emma mit ‘Nein’. Sie haben sich über soziale Differenzen in unserer und der lateinamerikanischen Kultur unterhalten. Wie schön zu beobachten, dass die Beiden sich so intensiv austauschen und gemeinsam diese Erkenntnisse erarbeiten. Jamie hat nur Augen für Emma, das ist neben all den Fremdgängern auch mal schön zu sehen. Ich sage Emma, dass jeder der Augen im Kopf hat, sehen kann, dass die 2 füreinander bestimmt sind. Sie freut sich darüber sehr.

Am Donnerstag habe ich eine Bewerbung an den Hamburg Verein abgeschickt, einige Erledigungen und mich gegen Mittag auf den Weg zur Casa Abierta gemacht. Es war vor einem Jahr noch ein Restaurant mit einem Schwimmbecken. Jetzt haben sie 8 Hotelzimmer dazu gebaut. Einige Zeit durfte man den Pool deshalb nicht mehr benützen. Jetzt ist er wieder für die Öffentlichkeit für 2 Dollar am Tag zugänglich. Ich habe mich auf eine Liege in den Schatten gelegt und wollte eigentlich nur entspannen, bis Kate gegen 14:30 Uhr kommt. Da kommt auch schon ein Typ daher und legt sich 2 Liegen neben mich. Egal denke ich mir. Doch dann quatscht er mich auch gleich an. Marty ist sein Name. Er ist aus den Staaten. Er kommt mir verdammt bekannt vor. Ich habe ihn bereits am Valentinstag gesehen, da ist er mit Freunden im Restaurant Antorchas am Nebentisch gesessen. Außerdem war er auch gestern in der Kakerlake am Nebentisch, als ich mit Emma dort war. Zufälle gibt es. Marty hat einen guten Humor. Wir lachen viel. Er fährt morgen schon nach Costa Rica, kommt dann aber zurück nach Nicaragua. Ich drehe ihm sofort Zimmer 4 unseres Hauses an. Er ist interessiert. Des Weiteren kommt Kyle, Martys Freund, und Kyles Tante, Rebecca an den Pool. Rebecca ist Yogalehrerin und schon seit Jahren in León. Da sie ihr aber nach zahlreichen Versuchen die Aufenthaltsgenehmigung nicht genehmigt haben, wird sie demnächst wieder in die Staaten übersiedeln. Kyle und Marty haben Rebecca in León besucht, bevor sie morgen nach Costa Rica weiter reisen.
Ich unterhalte mich mit Rebecca über Yoga und verfalle ein bisschen in eine Hetzrede, als ich über die Yoga-Mamas auf Instagram ablästere. Ich kann diese super trainierten Weiber nicht mehr sehen. Im Bild/Video dabei auch immer gerne noch die Babies, die anstelle von Yogapositionen Burzigagl machen. Die Insta-Yoga-Mütter sehen natürlich alle wie Victoria Secret Models aus, perfekte Figur, perfekt gestylt, perfekte Yoga Outfits. Rebecca kommt kaum zu Wort. Ohne jegliche Yogaerfahrung sage ich, dass es doch auf die Meditation und die Harmonie ankommen würde. Das sei doch viel wichtiger und verweise auf die Doku Awake, das Leben des Yogananda (2014). Marty, der hinter Rebecca sitzt, reißt die Augen auf zischt Luft durch seine Zähne. Ich halte inne. Rebecca antwortet, dass in ihrem Yogazentrum die Positionen sehr wichtig sind, erst in weiteren Schritten geht es um Meditation. Gut das Gesicht von Marty und die Antwort von Rebecca machen es deutlich, ich habe mich in ein Fettnäpfchen gesetzt. Marty versucht ein gutes Wort für mich einzulegen: “Rebecca weißt du, dass mich Maggie schwer beeindruckt hat. Sie kann nämlich ein 500 Gramm Steak alleine verdrücken.” Rebecca antwortet darauf trocken: “Ich bin Vegetarierin.” Gut, eine enge Freundschaft mit Rebecca ist nach dem 2. Fettnäpfchen für immer ausgeschlossen. Nur gut, dass Kate herein spaziert und mir die Gelegenheit für einen weiteren Fehltritt damit nimmt. Kate kennt Rebecca, sie ist ihre Yogalehrerin. León ist klein, an einem Punkt kennt jeder jeden. Das gefällt mir sehr. Wir verbringen einen fantastischen Nachmittag am Pool unterhalten uns gemeinsam viel über Lebensanschauungen, Bürokratie und Bildung in Nicaragua und Marty bietet mir schließlich seine Dienste an, wenn er im April nach León zurückkommt. Er will bei der Doku mitarbeiten, auch wenn es seine Aufgabe sein sollte, mir Wasser zu bringen und Sachen zu schleppen. Wir müssen alle lachen. Ich werde es mir überlegen. Einen Tag später stellt sich die Bekanntschaft als lohnend heraus. Marty kennt einen holländischen Kameramann namens Wout. Er wohnt ebenfalls in León und wird mir eventuell helfen. Ich bin mit ihm in Kontakt. Im April treffen wir uns.

Das Quatschen mich hungrig gemacht. Am Abend gehen ich erst Moskitospray für meine Reise an den Fluss San Juan kaufen und dann ins Restaurant Antorchas. Ich muss erneut die Tostonesburguesas essen. Meine Freundin und ich unterhalten uns über die Zeit, als wir Beide letztes Jahr im El Calvario Haus gewohnt haben. Sie erzählt mir, dass es ihr sehr schlecht ging. Sie hatte eine Beziehung mit einem Typen aus El Salvador. Er lebte damals in León. Als sie hierher kam, um bei ihm zu sein, wurde die Beziehung aber immer komischer. Er war dann auch im Gefängnis und hat sich schließlich von ihr getrennt. Obwohl es das Beste für sie war, konnte sie es nicht akzeptieren. Sie hat sich dann ins Partyleben gestürzt und viele Drogen konsumiert. Ich wusste die Vorgeschichte damals nicht. Ich dachte sie ist einfach hier und testet ihre Grenzen. Dass sie so gelitten hat, tut mir leid. Damals habe ich mir große Sorgen gemacht, bin aber nicht eingeschritten, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass es gewollt ist. Außerdem denke ich, dass es gut ist, wenn man seine Grenzen austestet. Wenn man den Punkt erreicht, an dem man eindeutig sagen kann: “Aha und hier ist Schluss.” Im Gegenteil zu der elendigen Frage: “Was wäre wenn?” Sie hätte eigentlich einen Job in Panama gehabt. Ich dachte auch, sie wäre nach León dorthin gegangen. Das war aber nicht der Fall. Sie ist so weit abgestürzt, dass sie ihre Eltern kontaktiert hat. Die haben ihr ein Ticket gebucht und sie zurück nach Hause geholt. Ihr Vater ist schwer krank. Sie musste sich daraufhin um ihn kümmern. Sie sagt, das war ihre Rettung, dass sie nicht ständig an ihre Probleme und Sorgen denken konnte. Langsam kam sie aus dem Sumpf heraus. Beeindruckend. Ich bin so froh, dass es ihr jetzt viel besser geht und dass sie auch eine Beziehung hat. Sie sagt, das gibt ihr Ansporn sich zu kontrollieren. Sie haben sich übrigens über Tinder getroffen, kennen sich aber schon aus der gemeinsamen Schulzeit. Wir lachen viel und ich freue mich, dass Kate so offen mit mir über das letzte Jahr spricht. Nach dem Treffen gehe ich elektrisiert nach Hause. Ich habe das Gefühl, als gäbe es doch noch Wunder in dieser Welt.
Einen Tag später schreibt sie mir eine außergewöhnliche Nachricht. Sie bedankt sich bei mir, dass ich ihr gesagt habe, dass ich mir Sorgen und viele Gedanken über sie gemacht habe. Sie hatte damals das Gefühl, als würde sich niemand um sie kümmern. Jetzt freut sie sich, dass doch jemand so nah war und es getan hat.

Gegen 22:00 Uhr bin ich mit meinen Mitbewohnern Jimmy und Milou und Rachel ins Olla Quemada zur Salsanacht. Es war Cenas Geburtstags, oder besser gesagt Verlängertes-Geburtstags-Wochenende. Denn einen Tag später sind all’ ihre guten Freunde mit ihr nach Granada für 3 Tage und ihr eigentlicher Geburtstag war dann am Montag. Gut, diese Frau weiß, wie man sich selbst feiert. Emma und Jamie saßen schon am langen Tisch, sowie Carlos, Vanessa und noch andere Bekannte. Noel ist um 22:30 Uhr aufgetaucht – fashionably late – wie er sagt. Ich habe nicht sonderlich viel getanzt, bis schließlich um 23:15 Uhr der Salsanationalmeister aufgetaucht ist. Er hat mich bis Mitternacht nicht mehr von der Tanzfläche gelassen. Es war ein Spaß. Danach bin ich aber brav ins Bett, denn am Freitag war auch schon um 7:00 Uhr morgens Abfahrt an den Río San Juan mit Edwin und Willem und Gert und Marijke.

Wir waren zügig unterwegs. Willem ist ein guter Autofahrer. Gegen 14:45 Uhr waren am Ziel: San Carlos. Dort haben wir das Auto geparkt und unsere Boot ist um 15:15 Uhr abgefahren. Erst dachten wir es wäre 16:30 Uhr, aber da haben wir uns wohl getäuscht. Egal, denn besser hätten wir es nicht planen können. Ich habe mir noch schnell eine Kappe gekauft, ich merke, dass die Sonne ganz schön brennt. Wir besteigen das lange dünne Boot und befinden uns auch schon am Rand des 300 Meter breiten und 240 KM langen Fluss San Juan. Die Wassermenge ist atemberaubend. 1,5 Stunden später liefern wir die ersten Reisenden in Bocas de Sabalo ab, bevor es noch eine Stunde zu unserem Ziel El Castillo weiter geht. Bereits als wir in den kleinen Hafen einlaufen, sehen wir ein Kamerateam Aufnahmen machen. Es scheint ziemlich professionell und international zu sein. Kurz darauf legen wir wieder ab und fahren mit dem Sonnenuntergang im Rücken weiter. In El Castillo wartet schon unser Tour Guide Juan am Steg. Er wird uns am nächsten Tag in den Dschungel begleiten. Auf dem Weg zu seinem Haus frage ich, wo denn unser Hotel die Grand River Lodge sei, das Willem online gebucht hat. Juan schaut verdutzt und meint, das sei 1,5 Stunden flussaufwärts. Wir können unseren Ohren nicht trauen. Nach kurzem Abchecken der Fakten erkennen wir, dass wir in El Castillo ein anderes Hotel finden müssen. Juan erklärt uns kurz den Ablauf der nächsten 2 Tage am Fluss und im Dschungel und empfiehlt uns 3 Hotels. Wir versuchen es im Chinandegano. Als wir dort ankommen, sagen sie, dass zufällig noch 3 Zimmer frei seien. Wir sind erfreut und beziehen die sehr einfachen und günstigen Zimmer. Während ich das Frühstück für den nächsten Tag 7:30 Uhr bestelle, kommt das Kamerateam über die Holztreppen hoch. Sie wohnen ebenfalls im Hotel Chinandegano. Ich sehe, dass 1 Mitarbeiter Nicaraguaner ist. Ich frage ihn, was sie denn drehen. Es ist eine Dokumentation über die Geschichte des Flusses San Juan, ein Projekt im Auftrag für eine deutsche Organisation. Die Regisseurin ist aus Belgien, lebt in Berlin. Sie ist nicht sonderlich daran interessiert mit mir zu reden und hält Abstand. Einige Minuten später kommt ein älterer Herr, der Kameramann, zu mir. Erst dachte ich, er sei Franzose, weil er einen europäischen Einschlag hat, dann aber sagt er, er sei aus Estelí. Die Nicaraguaner aus Estelí und Matagalpa sind etwas hellhäutiger und haben europäische Gesichtszüge, weil um 1900 Deutsche diese Region besiedelt und als erste Kaffee in Nicaragua angebaut haben. Er heißt Frank Pineda und hat eine Filmproduktionsfirma namens Camila Films. Als ich den Namen höre, werde ich hellhörig. Camila Films hat den erfolgreichsten nicaraguanischen Film “La Yuma” produziert. Er handelt von einer Boxerin. Auch “La Pantalla Desnuda” sorgte für Aufsehen. Dieser Film handelt von einem jungen Pärchen, das sich beim Geschlechtsverkehr filmt. Das gedrehte Material gelangt in die falschen Händen und verbreitet sich in der ganzen Stadt. Die Unvorsichtigkeit zerstört das Leben der beiden Teenager. Momentan läuft der aktuellste Dokumentarfilm von Camila Films in Managua in einem Kino. Er heißt “Girasoles de Nicaragua“und handelt von 18 Sexarbeiterinnen, die für ihre Rechte kämpfen. Frank interessiert sich für meinen Dokumentarfilm, bietet mir seine Hilfe an und wir tauschen Telefonnummern aus. Seit 5 Tagen drehen sie schon und werden noch 20 weitere Tage die Gegend unsicher machen. Danach bin ich auch schon mit Edwin, Willem, Gert und Marijke auf dem Weg in ein Restaurant. Wir sind am verhungern. Zurück im Hotel wird um 22:00 Uhr das Licht und das Internet ausgemacht. Mir blieb nichts anderes übrig, als ins Bett zu gehen.

Der nächste Tag fängt fantastisch an, der umliegende Dschungel ist in Nebel getaucht und wirkt besonders mystisch. Wir frühstücken ausgiebig und machen uns auf dem Weg zu unserem Guide Juan. Er erwartet uns schon. Die 2 Kayaks sind startbereit. Wir sind es auch. Um 8:45 Uhr verlassen wir El Castillo und paddeln 11 KM den flussabwärts bis wir den schmalen Nebenfluss Caño Bartola erreichen, welcher in den breiten San Juan mündet. Dort beginnt das Naturreservat Indio Maiz. Wir paddeln den Bartola einige Minuten flussaufwärts bis wir an einem Ufer Halt machen. Es ist inzwischen mittags. Juan kocht uns unser Mittagsessen während wir im Wasser schwimmen. Er reicht uns eine gekühlte Kokosnuss. Der Saft enthält viele Elektrolyte und gibt uns neue Kraft. Wir genießen das erfrischende Bad mit unserem Drink im Fluss und beobachten die beeindruckende Landschaft. Um uns herum hören wir Brüllaffen schreien. Manchmal wackeln die 30 Meter hohen Bäume und man sieht Spinnenaffen in den Ästen nach Nahrung suchen. Nach einer Siesta – ich habe kurz geschlafen – haben wir eine 2,5 stündige Wanderung durch das Naturreservat Indio Maiz gemacht. Juan erklärt uns diverse Pflanzen und dass wir sehr vorsichtig sein müssen, da viele Bäume mit Nadeln übersät sind. Dann zeigt er uns grüne Blätter. Er sagt, wir sollen alle ein Blatt abzupfen und das Ende auf die Spitze unserer Zunge legen. Ich spüre nichts und kaue deshalb das Blatt zwischen meinen Schneidezähnen. Die Masse vermischt sich mit meinem Speichel und ich schlucke kurz, als ich merke, dass ich meine Zungenspitze nicht mehr spüre. Juan lacht. Es ist ein natürliches Betäubungsmittel. Die Frauen am Land brauen daraus Tee und trinken diesen, wenn sie Kinder gebären. Das Antisepetikum ist überraschend stark, durch das Schlucken spüre ich nämlich auch meinen Gaumen und meinen Rachen kaum noch. Juan sagt, ich muss mir keine Sorgen machen. 20 Minuten später hat die Wirkung nachgelassen. Die Flora und Fauna sowie die Tiere sind atemberaubend. Ich habe viele Fotos und Videos für meinen Blog gemacht und bereits 3 Batterien und 2 Speicherkarten verbraucht. Hoffentlich hält der letzte Akku für den nächsten Tag. Danach schlagen wir weiter flussaufwärts des Caño Bartola unser Nachtlager auf. Juan hängt 1 Hängematte ins Geäst und zeigt mit dem Finger auf mich. “Dein Nachtlager Margarita!” sagt er. Ich probiere kurz mein Bett aus, da hängt er schon 2 weitere Hängematten neben mich für Willem und Edwin. Marijke und Gert dürfen auf einer aufblasbaren Luftmatratze schlafen. Im Geheimen bin ich froh, dass ich nicht am Boden liegen muss. Man weiß ja nie, welche Tierchen nachts vorbeischauen. Dann wird gefischt und das Abendessen zubereitet. Einen so gut organisierten Tourguide wie Juan habe ich in Nicaragua noch nie gesehen. Auf alle Wünsche ist er vorbereitet. Juan ist 41 Jahre alt und arbeitet schon seit 20 Jahren als Guide am Fluss San Juan. Seit 15 Jahren hat er sein eigenes kleines Tourbüro und die Gäste kommen alle über Mundpropaganda und Reservierung zu ihm. Das ist beeindruckend, denn El Castillo hat pro Woche in der Hochsaison maximal 40-50 Touristen.
Wir trinken gekühltes Bier während langsam die Sonne unter geht. Bis das Essen fertig ist, ist es stockfinster und ich kann kaum mein Essen am Teller erkennen. Mit meinem Handy bestrahle ich den gegrillten Fisch. Durch das Licht werden diverse Insekten angelockt. An einem Punkt merke ich, dass ich nicht ein Reiskörnchen, sondern eine Fliege zwischen den Zähnen habe. Ich bräuchte eine Stirnlampe wie sie Juan am Kopf trägt.
Nach dem Essen beginnt der unglaublichste Teil dieses Abenteuers. Es war anders als alles, das ich bis jetzt erlebt habe. Juan, Edwin, Gert und ich sind zurück auf’s Kayak und sind den Caño Bartola flussabwärts um Kaimane zu suchen. Es ist stockdunkel. Man sieht kaum die eigene Hand vor dem Gesicht. Ich nehme ganz Vorne im Kayak mit meiner Kamera in der Hand platz. Dann treiben wir langsam auf dem ins Schwarz getauchte Wasser dahin, über uns ein klarer mit strahlenden Sternen erleuchteter Himmel. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, beobachte die Sterne, fühle die Ruhe der Nacht, höre das stille Treiben in den Büschen und Ästen und fühle mich als wäre ich ein Teil dieses Dschungels. Während ich mich von der Welt getragen fühle, flüstert Edwin, wie unheimlich doch das Szenario sei. Ich bin aus meinem Moment erwacht, kann sein Empfinden aber nicht teilen. Ich kann es manchmal selbst nicht erklären, aber ich fühle mich in Nicaragua so zu Hause und habe oft das Gefühl ich kenne die Gegenden schon. Deshalb habe ich auch keine Angst. Es ist mehr ein Nachhausekommen.
Wir sind seit ca. 45 Minuten unterwegs. Juan hat bereit einige Tiere ausfindig gemacht und auch immer darauf geachtet, dass ich ein gutes Foto machen kann. Beeindruckend war der wunderschöne grün blaue Basilisk Leguan. Wir treiben wieder dahin, weit und breit kein Kaiman in Aussicht. Juan meint, es gäbe lediglich 2 in dieser Gegend. Es wären noch Kleine mit ungefähr 1,5 Metern. Die ausgewachsenen Tiere wechseln dann in den Fluss San Juan, wo es mehr Nahrung für sie gibt und sie 3 bis 4 Meter groß werden. Ich bin in diesem Moment so eins mit der Natur, dass es mir relativ egal ist, ob wir einen Kaiman sehen oder nicht. Juan paddelt in die Richtung eines Ufers. Unser Boot wird von Gestrüpp im Wasser aufgehalten. Er steigt aus dem Boot ins ca. 1 Meter tiefe Wasser. Ich flüstere, er solle wieder ins Boot zurück, das ist doch verrückt und gefährlich. Ich sage noch er spinne, da packt er etwas mit seinen Armen und stürzt mit dem Oberkörper ins Wasser. Edwin, Gert und ich können nicht erkennen, was er macht, wir alle 3 haben aber einen Adrenalinstoß erhalten. Als Juan mit einem 2 Meter langem Kaiman auftaucht, stoßen wir alle 3 begeisterte Rufe aus. Wir können es nicht glauben, ein ‘Wow’ folgt dem anderen. Ich schieße diverse Fotos und versuche ein Video zu machen. Juan, der alte Haudegen, hat es doch glatt geschafft. Selbst nachdem er den Kaiman wieder ins Wasser setzt und er zwischen seinen Beinen in der Tiefe des Flusses verschwindet, berichten Edwin, Gert und ich uns immer wieder gegenseitig den Moment, als er den Kaiman gepackt hat und er ihn aus dem Wasser hochhebt. Wir haben den Kaiman am Boden nicht gesehen. Wie konnte das Juan nur wissen? Wir sind aufgedreht wie kleine Kinder. Juan sitzt wieder im Boot und macht mit uns Kehrt. Wir fahren ganz langsam zurück zu unserem Nachtlager. Was für ein Erlebnis. Es ist kaum zu beschreiben. Ich genieße noch mal den Moment am Caño, dann sind wir auch schon bei Marijke und Willem und erzählen ihnen von dem Erlebnis, während einer dem anderen ins Wort fällt und einer nach dem anderen nachmacht, wie Juan den Kaiman gepackt hat.
Die Nacht verläuft ganz gut. Ich wache zwar alle 2 Stunden auf, aber wenigsten kann ich schlafen. Besonders spannend wird es als ich ein Tier unter uns vorbei huschen und für eine Ewigkeit kauen höre. Es muss ein Nagetier sein. Um 6 Uhr wache ich auf. Es ist bereits hell. Die anderen Hängematten sind schon weggepackt. Ich habe am Längsten geschlafen. Juan kocht schon das Frühstück. Rühreier mit Tomate, Gallo Pinto und Tortillas. Kaffee gibt es auch schon. So kann der Tag starten, fehlt nur noch, dass er mir alles in der Hängematte serviert.
Heute paddeln wir zurück zum Fluss San Juan und wechseln in ein Motorboot. Juan will uns ein großes Krokodil präsentieren. Mindestens 5 Meter lang soll es sein. Da bin ich ja gespannt. Wir sind schon 2 Stunden unterwegs. Die Sonne brennt. 9:00 Uhr morgens, das ist die perfekte Zeit, meint Juan. Und dann sehen wir es auch schon 150 Meter weit entfernt am Ufer liegen. Als wir näher kommen verlässt es aber seine sichere Position und taucht ab. Verdammt. Ich hoffe ich habe es mit dem Teleobjektiv erwischt. Wir sehen wieder diverse Affenfamilien, 30-40 Spinnenaffen und Brüllaffen, sogar Kapuzineräffchen sind aufgetaucht. Am Ende fahren wir zu einem vor 150 Jahren gekenterten Schiff, das inzwischen durch den angeschwemmten Sand und Ästen eine Insel bildet. Wir machen einen kleinen Rundgang um 10:30 Uhr sind wir aber wieder am Boot und warten auf unsere Fähre, die uns schnell nach El Castillo zurückbringen soll. Wir haben schon zum Umsteigen unsere Sachen griffbereit, da taucht es auch schon hinter der Kurve auf. Juan gibt Signal, dass wir Umsteigen, da winkt der Kapitän der Fähre ab. Juan sagt, dass er 5 Plätze beim Firmenchef bestellt hat. Der Kapitän weiß aber von nichts und lässt uns kurzerhand zurück. Juan ist stinksauer. Mit dem Motorboot schaffen wir es nicht rechtzeitig zurück, das bedeutet wir verpassen unser Expressboot um 11:00 Uhr in El Castillo, sind dann nicht rechtzeitig um 15:00 Uhr in San Carlos und erreichen somit nicht den letzten Mikrobus um 20:00 Uhr nach León am Terminal in Managua.
Juan gibt alles, aber der Motor ist nicht stark genug. Wir erreichen El Castillo um 11:40 Uhr. Wir suchen einen Internetzugang und reservieren Zimmer in Managua. Dann gehen wir Mittagessen und nehmen das Expressboot um 14:00 Uhr. 3 Stunden später sind wir in San Carlos und steigen ins Auto um. Um 22:00 Uhr sind wir schließlich im Hotel in Managua und fix und fertig. Die Rückreise war super anstrengend und ist noch nicht mal zu Ende. Um 23:30 Uhr verabschiede ich mich schweren Herzens von Edwin, der am nächsten Tag früh morgens nach Holland zurück reist. Willem bleibt noch eine Woche in León. Auf die Tour im Dschungel haben mich übrigens Edwin und Willem eingeladen, weil ich ihnen so viel im Haus geholfen habe. Ich habe mich riesig darüber gefreut!

Abschließend ist zu sagen, dass ich nach 10 Wochen endlich meinen Hintern hochbekommen und mich in ein neues Abenteuer aufgemacht habe. Nach dem wir das erste Boot bei der Anreise am Freitag bestiegen und ich den 300 Meter breiten Fluss San Juan gesehen habe, habe ich lächelnd zu Edwin und Willem gesagt, dass ich mich so freue mit ihnen hier zu sein. Es war wunderschön. Die Woche war besonders gefühlsintensiv. Erst der Besuch bei Oscar, dann die tiefgründigen Gespräche mit Emma und Kate und schließlich die Abenteuerreise am Río San Juan. Ich bin total erledigt und voller Power und super glücklich im gleichen Augenblick. Außerdem spüre ich eine tiefe Dankbarkeit, all’ das erleben zu dürfen. Fortsetzung folgt…

Noel (25): mein bester Freund (Nicaragua)
Marianka (37): eine Freundin (Polen)
Oscar: unser Freund der im Krankenhaus liegt (Nicaragua)
Elthon (27): Mitbesitzer der Bar Mijunas und Freund von Noel (Nicaragua)
Carlos (Tocino, 38): mein sehr guter Freund – Chef eines Pharmalabors (Venezuela)
Cena (31): Englischlehrerin – Freundin von Carlos (USA)
Mario (25): mein Rechercheassistent (Nicaragua)
Marty: Bekanntschaft (USA)
Kyle: Freund von Marty (USA)
Rebecca: Yogalehrerin – Tante von Kyle – lebt seit Jahren in León (USA)
Kate (30): Ehemalige Mitbewohnerin – Koordinatorin des norwegischen Austauschprogramms (Kanada)
Rachel (28): Privatlehrerin – meine Mitbewohnerin (USA)
Jimmy (27): Lehrer bei Toefl – mein Mitbewohner (Holland)
Milou (22): Freundin von Jimmy – meine Mitbewohnerin (Holland)
Jamie (28): Arzt (England)
Emma (28): Freundin von Jamie (England)
Vanessa (28): arbeitet als Koordinatorin für eine NGO (USA)
Nestor (31): Salsanationalmeister aus Managua (Nicaragua)
Willem (53): Eigentümer des Hauses, in dem ich wohne (Holland)
Edwin (41): Eigentümer des Hauses, in dem ich wohne (Holland)
Gert (57): Mann von Marijke – Freunde von Willem und Edwin (Holland)
Marijke (53): ehemalige Mitbewohnerin von Willem (Holland)
Juan (41): Tourguide – El Castillo – Río San Juan (Nicaragua)

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One thought on “Tagebuch Woche 10

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