TAGEBUCH WOCHE 8

Seit 2 Tagen bin ich schon im Krankenhaus. Ich fühle mich gut aufgehoben. Um 6:00 Uhr früh wurde mir der Zugang in eine andere Vene verlegt. Nach dem 2. Anlauf hat es dann auch geklappt. Um 7:15 kam Dr. Morales zur Visite. Wir besprechen kurz die Fieberattacke vom Vortag. Solange ich diese immer noch habe, darf ich die Klinik nicht verlassen. Um 9:00 Uhr hat mich Noels Mama besucht. Sie war auf dem Weg zur Arbeit und hat einen kleinen Abstecher gemacht. Wir haben viel über die Familie geplaudert. Auch über Noels Geschwister. Auf meine Frage, ob sie denn ein Lieblingskind hat, antwortet Maritza schüchtern ehrlich, es sei Noel. Ich muss lachen. Als Noel um 10:30 Uhr auf der Matte stand, war er ganz überrascht, dass seine Mama auf dem Schaukelstuhl neben meinem Bett sitzt. Ihm ist noch nicht ganz klar, dass er sich daran gewöhnen muss, dass ich inzwischen das 8. Kind der Familie bin – Lieblingskind hin oder her.

Während Noel noch nicht da ist, erzählt mir seine Mama, dass Noel mehr Vertrauen zu mir als zu seinen Geschwistern hat. Das hätte er ihr vor einiger Zeit gestanden. Ich spreche später mit Noel alleine darüber. Als Familienmitglieder im Krankenhaus lagen, hat er sie kaum besucht, er mag Krankenhäuser nicht sonderlich. Seit dem ich im Krankenhaus bin, verbringt er 12 Stunden an meiner Seite. Seine Geschwister werden sich ihren Teil denken und sauer sein, meint er. Ich sage ihm, dass ich sehr dankbar bin, dass er da ist und auch, dass er in der Notaufnahme so cool geblieben ist, selbst als ich keine Luft mehr bekommen habe und mir die Tränen über die Wangen gekullert sind, hat er stets die Nerven bewahrt. Mit seiner ruhigen Art hat er mir selbst im schlimmsten Moment noch das Gefühl gegeben, dass alles in Ordnung ist. Er meint grinsend, ich sei nicht der einzige Grund, warum er soviel Zeit in meinem Krankenzimmer verbringt, da wäre auch noch die Klimaanlage, gutes Internet und das Krankenhaus-Diätessen, das ich übrig lasse. Daraufhin fallen wir in ein gemeinsames Gelächter. Dass er das Lieblingskind ist, ist ihm übrigens völlig klar.

Carlos wollte mit mir im Krankenhaus Mittagessen, wurde aber leider in der Arbeit aufgehalten. Er hat einen Angestellten geschickt, der mir zwei Sandwichs von Pan y Paz und 2 Flaschen meines Lieblingssaftes – Karotte-Orange – vorbeigebracht hat. Noel hat natürlich wieder mitgenascht. Seit 3 Tagen schauen wir TV und somit auch Werbung. Nach der 100sten Mc Donalds Werbung winden wir uns wie Würmer im Bett. Unsere Körper verlangen nach einem Big Mac. Noel sagt, es reicht, er hole uns jetzt einen. Trotz Krankenhaus-Diät kann ich nicht widerstehen! Seit ein paar Monaten erst gibt es eine Filiale in León. Als ich sie bei meiner Ankunft gesehen habe, konnte ich es kaum glauben und habe Freunde motiviert, dass wir sie abfackeln. Jetzt bin ich froh, dass wir es nicht getan haben. Die Werbe-Gehirnwäsche hat uns zu Fast-Food-Zombies gemacht. Wenig später habe ich den Burger in meiner Hand und beiße fröhlich ein großes Stück ab. Die Pommes schieb ich genüsslich hinterher. Da klopft es an der Tür. Verdammt!!! In Windes Eile falte ich den Pappkarton zusammen und werfe ihn auf den Tisch neben Noel. Ich versuch’ mir die Reste aus dem Gesicht zu wischen, da kommt auch schon Dr. Morales herein. Auf frischer Tat ertappt. Er fragt mich, ob ich denn wieder Hunger hätte und auch brav essen würde. Ich antworte kleinlaut: “Mh. Ein bisschen.” Noel verdreht die Augen und kann sich kaum das Lachen verhalten, er nickt ironisch mit dem Kopf. Als der Doktor das Zimmer verlässt, sagt Noel, es sei doch echt unglaublich, den ganzen Tag über kommt keiner rein und dann, wenn man etwas genießen will, wird man ertappt.

Heute geht Noel nicht heim. Er schläft auf dem Gästebett in meinem Zimmer. Besonders gut haben wir aber nicht geschlafen. Denn am nächsten Tag um 5:00 Uhr morgens wurde mir schon Blut abgenommen. Die Krankenschwester hat die Nadel, bevor sie ganz draußen war, noch oben gezogen. Jetzt habe ich einen Schnitt im Arm. Sie hat es nicht gesehen und den Alkoholtupfer draufgepappt. Das hat so gebrannt, dass ich schreien musste. Wir haben danach versucht weiterzuschlafen, aber um 6:30 Uhr kam schon Dr. Morales mit den Ergebnissen. Er ist mit der Anzahl der Blutblättchen sehr zufrieden. Inzwischen habe ich 186.000. Er würde jetzt beruflich nach Managua fahren und danach wieder bei mir vorbeischauen. Um 11:00 Uhr hat mich Mario besucht. Noel ist währenddessen nach Hause duschen. Mario hat mir erzählt, dass er am Wochenende Jamie zum Fussballspielen mitgenommen hat. Sie haben das beim Barbecue letzte Woche ausgemacht. Jamie hat Mario zu Hause abgeholt. Als er dort angekommen ist, hat Mario gefragt: “Wo ist dein Fahrrad?” Jamie hat natürlich keines. Also sind sie gemeinsam mit Marios Fahrrad zum Fußballplatz gefahren. Jamie ist 1,90 Meter groß, deshalb mussten sie erst den Sitz ganz hoch stellen. Mario saß zusammengekauert auf der Stange. Er sagt, als sie gefahren sind, sind Jamies Knie links und rechts bei seinem Kopf vorbei gerauscht. Am Ende ist dann auch noch der Sitz umgeknickt, er war eben doch viel zu hoch eingestellt. Mario sagt, Jamie sei ein verdammt guter Fußballspieler und dass alle nur so gestaunt haben, wie er spielt.
Marianka ist um 12:00 Uhr dazugestoßen. Sie ist aber nicht lange geblieben. Als dann um 13:00 Uhr Noel zurück war, ist auch Mario gegangen. Noel hat den ganzen Tag am Computer an seiner Bachelorarbeit gearbeitet. Um 19:00 Uhr haben Jamie und Emma vorbeigeschaut. Ich habe mich so gefreut die Beiden zu sehen. Jamie hat seine Version der Fußballgeschichte erzählt. Sie war genauso lustig und wir alle mussten laut Lachen. Übrigens sagt Jamie, Mario sei ein fantastisch guter Fußballer. Nach Hause ist Jamie dann aber nicht mehr mit Marios Fahrrad. Ein anderer Fußballspieler hat ihn mit dem Motorrad mitgenommen. Da er aber nur einen Helm hatte, mussten sie die Polizei meiden. Ausgerechnet an dem Abend sind ihnen 5 Polizeiautos entgegengekommen. Jamie hat uns erklärt, dass sie deshalb auf Nebenstraßen ausweichen mussten, welche so hügelig waren, dass er einen halben Meter vom Sitz in die Luft gefedert wurde. Ich habe ihm geraten, das nächste Mal ein Taxi zu nehmen.
Carlos kam auch noch dazu. Jamie und Emma haben sich dann mit Vanessa abgetauscht. Das war ein reicher Tag an Besuchern. Wie versprochen ist um 22:30 Uhr Dr. Morales aufgetaucht. Ich habe ihn gefragt, wann er eigentlich schläft – 6:30 Uhr war er schon bei mir Visite und jetzt um 22:30 Uhr wieder und dazwischen war er in Managua arbeiten. Trocken hat er geantwortet: “Doch doch, ich schlafe schon.” 4-5 Stunden würden aber ausreichen. Noel formt lautlos “Workaholic” mit seinen Lippen. Ich frage Dr. Morales im Laufe des Gespräches, wie alt er denn sei. Er sagt 33. Das kann ich kaum glauben. Vielleicht habe ich mich auch verhört und er hat 43 gesagt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er 33 gesagt hat. Da hätte er doch besser die letzten Jahre 7-9 Stunden geschlafen.

Diese Nacht schläft Noel wieder zu Hause und den nächsten Morgen verbringt er in der Bibliothek und recherchiert für seine Bachelorarbeit. Bei der Morgenvisite sagt Dr. Morales, dass er mich am Nachmittag entlässt. Noel kommt um 13 Uhr ins Krankenhaus. Mir wird der Zugang entfernt und die Rechnung vom Krankenhaus auf’s Bett gelegt. Man kann nur in bar zahlen. Spinnen die? Ich muss immerhin € 705,- für den Aufenthalt und die Medikamente zahlen. Das Geld habe ich natürlich nicht dabei. Deshalb muss Noel im Krankenzimmer bleiben, während ich meine Kreditkarte von zu Hause hole, Geld abheben gehe, zu drei Automaten laufen muss, weil sie soviel Geld nicht hatten und dann wieder zurück ins Krankenhaus gehe. Welch ein Irrsinn. Bevor ich aber gehen durfte, hat mir Dr. Morales einen weiteren Untersuchungstermin für nächsten Mittwoch gegeben. Urinkontrolle und außerdem müsse ich ihn auch noch bezahlen. Er überreicht mir eine Rechnung mit U$ 540,-. Nur gut, dass ich das nächste Woche zahlen kann. Erneut laufe ich jetzt nämlich nicht zum Automaten. Wir sind dann zur Apotheke und haben Medikamente gekauft, die ich noch 5 Tage schlucken muss. Noel und ich haben meine Entlassung bei einer Bohnensuppe in der Kakerlake gefeiert. Den gegrillten Käse habe ich diesmal schweren Herzens ausgelassen. Ich sollte ja Diät halten, anschließend haben wir die Klimaanlage im Kino genossen. Wir haben uns La La Land angeschaut und sind uns einig, dass dieser Film keine 14 Oscar-Nominierungen verdient hat – völlig überbewertet!

Eigentlich wollte ich noch nach dem Kino zu Carlos übersiedeln. Er hat mir angeboten, dass ich mich in seinem Haus erholen kann. Ich war aber zu müde und habe bei mir zu Hause geschlafen. Am nächsten Tag bin ich dann zu Carlos. Er hat ein Gästezimmer, das er für mich herrichten lassen hat, außerdem eine Klimaanlage und eine perfekt ausgestattete Küche. Am Abend hat er für mich gekocht. Es war herrlich.
Am nächsten Tag habe ich festgestellt, dass er warmes Wasser in der Dusche hat. Ich werde nie wieder ausziehen. Marianka hat mich bei Carlos besucht. Wir haben etwas geplaudert und später waren wir im Supermarkt einkaufen. Es war an der Zeit für meine zwei Schneggalen ein Abendessen zu kochen und ihnen damit ‘Danke’ zu sagen. Alan war auch dabei. Eigentlich habe ich auch Jamie und Emma eingeladen, die Beiden hatten aber schon Karten für La La Land gekauft. Nach dem Film haben sie kurz auf einen Plausch vorbeigeschaut.

Am Samstag hat mich Carlos überredet, dass wir an den Strand fahren. Mit seinem Auto ist die 30-minütige Reise erträglich und die frische Meeresluft würde mir ganz gut tun, meinte er. Wir treffen Jamie und Emma beim Restaurant Playa Roca. Jamie hat sich ein Surfbrett ausgeliehen und paddelt schon wie ein Wilder in den Wellen. Emma setzt sich zu uns an den Tisch. Cena war auch dabei. Sie ist Carlos Freundin aus den USA. Ihre Ur-Großeltern waren Nicaraguaner. Vor 2 Jahren ist sie das erste Mal nach León gekommen, um ihren Wurzeln auf den Grund zu gehen. Sie hat sich in das Land verliebt und ein Haus hier gekauft. Inzwischen lebt sie in León und arbeitet als Englischlehrerin. Noel  und Carlos haben mir viele Geschichten von ihr erzählt. Sie trinkt ganz gerne und führt sich dann wild auf. Würde auf Tischen tanzen und wilde Grimassen schneiden. Das mit den Grimassen kann ich schon bestätigen. Das ist echt eigenartig. Trotz ihres beträchtlichen Umfangs hat sie hier einen Riss bei Männern, das ist kaum zu glauben. Noel sagt, dass das Verwunderlichste daran ist, dass die Männer auch noch zu den besser Aussehenden zählen. Ich werde dieses Phänomen beobachten.

Am Sonntag habe ich 2 Artikel verfasst. Ich kann mich in Carlos Haus sehr gut konzentrieren, dadurch bin ich sehr produktiv. Mehr oder weniger habe ich das Haus für mich. Carlos arbeitet den ganzen Tag. Außerdem muss er auch immer wieder für Besprechungen nach Managua und übernachtet dann auch dort. Später habe ich mich mit Mario getroffen und wir haben über ein neues Projekt gesprochen. Ich werde davon später berichten. Außerdem hat Mario ebenfalls angefangen zu bloggen. Beim Einrichten seiner Seite habe ich ihm ein paar Tipps gegeben.

Abschließend ist zu sagen, dass mir diese Woche gezeigt hat, welch’ außergewöhnlich gute Freunde ich habe. Noel und Carlos waren für mich die ganze Zeit meines Krankenhausaufenthaltes da. Selbst nach der Entlassung hat mich Carlos sofort bei sich aufgenommen. Sie haben sich so liebevoll um mich gekümmert, dass ich völlig überwältigt bin. Ich bin sehr dankbar und gerührt über ihre liebevoll Fürsorge. Fortsetzung folgt…

Noel (25): mein bester Freund (Nicaragua)
Carlos (Tocino, 38): mein sehr guter Freund – Chef eines Pharmalabors (Venezuela)
Alan (63): Bekannter von Tocino (USA)
Mario (25): mein Rechercheassistent (Nicaragua)
Vanessa (28): arbeitet als Koordinatorin für eine NGO (USA)
Dr. Flavio Morales: Arzt für innere Medizin (Nicaragua)
Maritza: Noels Mama (Nicaragua)
Jamie (28): Arzt (England)
Emma (28): Freundin von Jamie (England)
Marianka (37): eine Freundin (Polen)
Cena (31): Englischlehrerin – Freundin von Carlos (USA)

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