TAGEBUCH WOCHE 6

Seit 4 Wochen schon versuche ich Pflanzen aus Samen zu züchten, bis jetzt hat es nur spärlich funktioniert. Seit einigen Tagen geht mir ein Typ ziemlich auf die Nerven. Es ist Freddy, Honduraner, lebt aber schon seit Ewigkeiten mit seiner Familie in León, Nicaragua. Er will mich unbedingt sehen. Ich ihn eher weniger. Wir kennen uns seit 3 Jahren. Er mag lieb sein, aber er hat nicht alle 3 zusammen. Der beste Dialog, um das verständlich zu machen, ist folgender, welcher sich KURZ nach dem wir uns kennen gelernt haben, ereignete:

Maggie (will gerade ein Foto machen): Verdammt, ich hab’ die Speicherkarte zu Hause liegen gelassen.
Freddy: Du kannst sie ja holen.
Maggie: Es ist 11 Uhr nachts. Es ist jetzt gefährlich auf den Straßen…
Freddy: Ich kann dich fahren.
Maggie: Das ist ja noch gefährlicher – allein mit einem Mann in seinem Auto.
Freddy: (denkt kurz nach) Nein ist es nicht. Ich habe ja eine Waffe in meinem Auto.

Diese Tatsache hat mich nicht überzeugt und so habe ich an dem Abend keine Fotos geschossen. Inzwischen kenne ich Freddy besser und habe meine Bedenken immer noch nicht über Bord geworfen. Sei es wie es ist, Freddy ist zurück aus Spanien, wo er studiert und schreibt mir täglich 100 Nachrichten. Das muss etwas, abgesehen vom Offensichtlichen, zu bedeuten haben. Nun gut, Freddy habe ich beim Frühstücken vor 3 Jahren kennen gelernt. Das ganze Lokal war voll und 3 höfliche Männer haben uns an ihren Tisch eingeladen. Einer davon war Freddy. Im Anschluß haben sie uns ihre Arbeit gezeigt. Die Familie von Freddy baut Erdnüsse und Papayas auf einer gigantischen Fläche an. Als ich also die 100 Nachrichten pro Tag bekomme und meine spärlich wachsenden Sprösslinge sehe, denke ich, Freddy könnte mir vielleicht helfen. Ich schreibe ihm also.

Maggie: Freddy, hast du fruchtbare Erde, ich will Pflanzen anbauen.
Freddy: Ja, du kannst 30 Hektar haben, die haben wir frei.

Gut, mit soviel habe ich nicht gerechnet. Wir klären das Missverständnis auf. Keine 20 Minuten, steht Freddy übereifrig in meinem Garten und begutachtet fachmännisch die Erde, nachdem er mich gefühlte 30 Minuten umarmt hat. Er sagt das Problem ist nicht die Erde an und für sich, sondern es fehlen Nährstoffe. Die nächsten 4 Stunden verbringen wir zur Freude Freddys gemeinsam wandernd durch die Stadt. Wir kaufen Salze, Nährstoffe, Samen, Kalk, schauen dann noch bei der Tischlerei seines Vaters vorbei und holen Holzspäne und 4 Latten für die Konstruktion eines Anbaubeets.
Auf dem Weg zu meinem Haus bittet Freddy mich sein Zuhause zu besichtigen. Im ersten Augenblick scheint es ganz gewöhnlich, bis wir in den Garten gehen. Dort leben um die 100 Hähne aus aller Welt. Es sind Kampfhähne, die speziell für den Hahnenkampf gezüchtet werden. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, wie unterschiedlich und schön einige davon sind. Ein Hahn zum Beispiel wurde aus Peru eingeflogen und kostet U$ 1.500,- Das ist doch verrückt! Freddy sagt, 250 weitere Hähne leben auf einem anderen Grundstück. Hahnenkämpfe sind in Nicaragua sehr populär. Verkauft werden sie innerhalb Nicaraguas aber nicht, denn dann hätte ja die Konkurrenz die Möglichkeit einen noch stärkeren Gegner zu züchten. Freddy sagt, wenn er in 3 Monaten aus Honduras zurück ist, werden wir uns einen Kampf anschauen. Die Vorstellung, dass gekämpft wird, bis ein Hahn tot ist, macht mir etwas Sorgen, aber sollte sich die Gelegenheit ergeben, will ich zumindest einmal dieses Spektakel sehen.
Freddy bietet mir einen heißen Apfeltee an – das ist mir in Nicaragua noch nie passiert – und fragt mich ob ich denn Hunger hätte, er hätte gute Wurst. Gute Wurst? Das was sie hier Wurst nennen, wird in Österreich nicht mal in Tierfutter gemischt. Ich muss etwas ironisch-melancholisch auflachen, wie sehr ich doch Extrawurst, Paprikawurst, Schinken, Speck und vor allem alle Variationen von Salami vermisse. Und dann, diesen Augenblick werde ich in meinem ganzen Leben nie vergessen, zieht er eine Salami aus dem Kühlschrank. Als ich die Cacciatore als Cacciatore innerhalb einer hundertstel Sekunde – dank meiner Salami Skills – identifiziert habe, haben sich die nächsten Momente in Zeitlupe abgespielt. Freddy zieht die Cacciatore aus der Vakuumplastikschutzhülle, der weiße Puder fällt von der Pelle ab und durchflutet den ganzen Raum, während sich die Sonne darin widerspiegelt. Freddy entfernt die Haut und schneidet dünne Scheiben ab. Ich bin wie gelähmt und betrachte das Schauspiel fasziniert mit geöffnetem Mund. Freddy sagt, er hat die Salami aus Spanien mitgebracht, noch weitere 3 Stück liegen in seinem Kühlschrank, ich solle deshalb soviel essen wie ich will. Völlig überwältigt kann ich meinem Glück kaum trauen. Als ich dann den ersten Bissen Cacciatore auf meiner Zunge schmecke, sammelt sich eine Träne in meinem Augenwinkel. Freddy verschwindet kurz und kommt mit einer Flasche reinem Olivenöl zurück. Die Familie seiner spanischen Freundin produziert es. Ich koste davon und ich kann es wieder kaum glauben. Was geschieht hier? Ich habe schon einige Olivenöle gekostet, aus Griechenland, Italien, usw. aber dieses spanische Öl hat einen so fruchtigen Geschmack, den ich kaum in Worte fassen kann. Verdammt Freddy!
Gestärkt durch das Essen konstruieren wir das Beet in meinem Garten. Freddy lässt Rachel und mich ganz schön schuften. Wir mussten Erde sieben und Handlanger für ihn spielen. Das hat mich ganz schön Überwindung gekostet und konnte ich auch nur durchstehen, in dem Gedanken an den Rest der Salamistange, die er mir geschenkt hat und welche in meinem Kühlschrank auf mich wartet!

Einen Tag später veranstaltet Freddy ein Barbecue in unserem Garten. Ich musste dafür natürlich nachmittags schon mit ihm einkaufen gehen und alles vorbereiten. Freddy hatte seine Freude und ich, weil auch Rachel, Jamie und Emma, Carlos und Mario daran teilgenommen haben. Mario und Freddy kennen sich übrigens aus der Schulzeit. Das wusste ich vor diesem Abend nicht. Wir haben gekocht wie die Verrückten, Tomaten-Basilikum, grüner Salat, Tostones, Tamal, Joghurtsoße, Bohnenpüree, Würstchen und Hendl, gegrillte Pfefferoni – es war ein Festschmaus.

Seit einigen Tagen schon, habe ich etwas Probleme mit der Verdauung. Am Mittwoch und Donnerstag war ich jeweils mit Noel und Josef Mittagessen, einmal in der Kakerlake unsere geliebte Bohnensuppe und einmal im Restaurant Ya Voy. Auf dem Nachhauseweg vom Ya Voy spüre ich plötzlich den Drang äußerst dringend auf’s WC zu müssen. Blöderweise bin ich genauso weit vom Restaurant wie von zu Hause entfernt. Von Sekunde zu Sekunde muss ich dringender und merke, das könnte in die Hose gehen. Ich fange an zu schwitzen, während ich schneller und schneller schreite.  Jetzt ist völlig klar, ich kann es kaum noch halten. Als ich noch 4 Häuserblöcke von zu Hause entfernt bin, fange ich an zu laufen. Das war kein gewöhnliches Laufen, mit diesem Laufen hätte ich die Olympischen Spiele im 100-Meter-Sprint gewonnen. Zittrig sperre ich die Tür auf, während ich von einem Bein auf das andere springe. Als sich die Tür schließlich öffnet, renne ich wie der Blitz auf die Toilette und bis zur letzten Sekunde habe ich es gerade noch geschafft alles zusammen zu halten. Was für eine Erleichterung im Anschluß stattgefunden hat, kann man nicht erklären, das muss man am eigenen Leib erlebt haben.

Am Abend hat mich Tocino (Carlos) in sein Haus zum Essen eingeladen. Ich habe ihm gesagt, ich habe Probleme mit meinem Magen. Er sagte, er würde gesund kochen. Er hat Pizza gekocht. Ich hab’s natürlich gegessen. Außerdem waren auch wieder Rosella, ihr Sohn Rodolfo und Frederico dabei. Die habe ich am Montag beim Disco Bingo kennen gelernt. Sie sind ebenfalls Venezolaner und arbeiten in Nicaragua. So hat sie Tocino kennen gelernt. Wir sind natürlich alle gemeinsam zur Salsanacht gegangen. Es war lustig und zu meiner Überraschung tanzt Frederico sehr gut Salsa. Noel und Josef sind auch dazugestoßen. Als ich nach der Partynacht zu Hause angekommen bin, habe ich schon gemerkt, dass irgendetwas gar nicht stimmt. Den ganzen Freitag habe ich schlafend mit Magenschmerzen in meinem Zimmer verbracht und mich verteufelt, dass ich die Pizza gegessen habe. Als es am Samstag immer noch nicht besser war, bin ich in die Apotheke und habe mit einem Arzt über meine Symptome gesprochen. Er meinte ich hätte Parasiten und hat mir das passende Medikament dafür gegeben. Trotzdem habe ich mich nicht sonderlich besser gefühlt. Es würde aber etwas dauern, meinte er.

Abschließend ist zu sagen, dass diese Woche sehr intensiv und mit vielen kleinen Überraschungen voll gepackt war. Abgesehen von der normalen Recherchearbeit mit Mario, den Treffen mit meinen Schneggalen, Noel und Carlos, hat mich Freddy auf Trab gehalten. Das Wochenende habe ich dann nur im Bett verbracht. Trotzdem konnte ich mich nicht richtig erholen.  Fortsetzung folgt…

Noel: mein bester Freund (Nicaragua)
Carlos (Tocino): mein guter Freund (Venezuela)
Mario: mein Rechercheassistent (Nicaragua)
Freddy: habe ich vor 3 Jahren kennen gelernt (Honduraner)
Rachel: meine Mitbewohnerin (USA)
Jamie: Arzt (England)
Emma: Freundin von Jamie (England)
Frederico: Bekannter von Carlos (Venezuela)
Rosella: Bekannte von Carlos (Venezuela)
Rodolfo: Sohn von Rosella (Venezuela)
Josef: Freund von Noel (Österreich)

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