TAGEBUCH WOCHE 5

In diese Woche sind Mario und ich mit voller Hoffnung gestartet, ein tolles Interview zu machen. Wir sind wie mit dem Poeten Jorge Eduardo Argüello vereinbart um 11 Uhr in seinem Haus gewesen. Er war mit seiner Frau außer Haus, er solle aber bald zurück sein. 2,5 Stunden später war er immer noch nicht da und ich mit meiner Geduld am Ende. Außerdem hatte ich schrecklichen Hunger und wollt einfach nur etwas essen. Am Dienstag haben wir Jorge Eduardo erneut aufgesucht und siehe da, er war zu Hause und hat uns im Anschluss zu Baltazar Gutiérrez gebracht. Baltazar beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Sprache Sutiaba, die teilweise kaum noch gesprochen wird. Er will sie rehabilitieren und einen Gesetzesbeschluss erwirken, so dass die Schüler Sutiabas die Sprache in der Schule lernen. Er hat uns lange und ausführlich unsere Fragen beantwortet. Mario war mir hierbei wie immer eine große Hilfe. Baltazar spricht nämlich für mich ein sehr schwer verständliches Spanisch. Mit dem gesammelten Material werde ich in den nächsten Tagen eine kleine Reportage verfassen.

Außerdem habe ich eine neue Auflage meines Buches produziert, damit ich wieder einige Exemplare zur Verfügung habe und auch diesen Bereich meiner Arbeit vorantreiben kann. Als ich von der Druckerei nach Hause spaziert bin, bin ich bei einem Second Hand Laden stehen geblieben. Erst dachte ich, nein, ich war doch erst vor 3 Tagen dort und sie hatten keine guten Schuhe, aber dann habe ich mir gedacht, schauen schadet nicht. Und dann sind sie mir auch schon in die Augen gesprungen: wunderschöne silberne Nine West Tanzschuhe. Sie sind wirklich außerordentlich schön. Ich habe ein richtiges Schnäppchen gemacht und umgerechnet nur  € 10,- bezahlt. Die Freude ist riesig.

Am Mittwoch habe ich ausnahmsweise wieder Zeit mit Noel verbracht. Er hat mich zum Abendessen eingeladen. Es gab Pasta mit Meeresfrüchten und Tostones. Nach einer kleinen Verschnaufpause haben wir uns auf ins Kino gemacht. “Why him” mit James Franco und Bryan Cranston der Film war unheimlich lustig. Noel und ich konnten kaum aufhören zu lachen, ein Gag folgt dem anderen. Sollte ich jemals in einem Film aufwachen, dann hoffe ich, es ist dieser! Dann war ich diese Woche das erste Mal seit meiner Ankunft im Dezember am Strand. Wir haben ‘Mi Rancho del Mar’ besucht. Das Restaurant mit Pool wurde neu gebaut und ist wirklich sehr schön, um für ein Weilchen der Hitze Leóns zu entfliehen. Natürlich konnte mich nur Noel  zu der 30-minütigen Reise überreden. Ich hab ein paar tolle Fotos gemacht und auch ein Video mit Zeitraffer online gestellt. Weil’s so schön war am Strand bin ich mit Rachel sonntags erneut zur Rancho del Mar. Allerdings wegen dem Wochenende war es gerammelt voll.

Am Donnerstag war ich mit meinen neuen Freunden Emma und Jamie traditionell beim Salsatanzen. Jamie war sehr angetan von der Musik und kann sogar ein paar Schritte Salsa. Als wir dann Merenge miteinander getanzt haben, hat es mich erstaunt, wie lernfähig er ist. Der junge Mann hat Talent. Emma hat schmunzelnd skeptisch zugeschaut, aber als Jamie sie aufgefordert hat, hat es kein Halten mehr gegeben. Es war sehr schön, die Beiden so zu sehen. Am Freitag wollten Emma und ich uns zu einem Drink treffen. Vor der Kathedrale haben mich schon die Poeten abgefangen und mich eingeladen mich and ihren Tisch zu setzen, solange ich auf Emma warte, meinten sie. Rony Duarte hat ein Konzert gespielt und Jorge Eduardo Argüello, Juan Diego (seine Familie besitzt das Sesteo) und ein weiterer Poet namens Juan Diego, haben aufmerksam mein Buch gelesen, das ich dank meiner Nachproduktion zur Hand hatte. Ich habe an dem Abend auch noch gleich 2 Exemplare an den Mann gebracht. Alles in allem ein sehr erfolgreicher Tag. Emma wurde ohne zu Fragen an unseren Tisch gesetzt, nach einem Getränk haben wir uns aber auf ins Via Via gemacht. Dort hat schon Noel auf uns gewartet. Es war Luz’ Abschied. Sie geht für einige Zeit nach Costa Rica zu ihren Schwestern. Um 22 Uhr habe ich an diesem Tag schon geschlafen.

Am Freitag habe ich endlich Vanessa zum Lunch getroffen. Wir waren im Pan y Paz. Vanessa lebt schon seit 5 Jahren in Nicaragua und arbeitet für eine NGO. Wir hatten einiges zu bereden, seit dem letzten Mal, das wir uns gesehen haben. So viel ist passiert. Vanessa war in Mexiko für einige Monate und gar nicht so lange zurück. Sie will versuchen ihren Wohnsitz nach Mexiko zu verlegen. Nach 5 Jahren sagt sie, braucht sie neue Herausforderungen. Als Noel und Josef dazu gekommen sind, bin ich noch kurz mit ihnen sitzen geblieben. Habe mich dann aber entschlossen zur Massage zu gehen. Früher bin ich wöchentlich einmal zu Sonia und Robert. Das sollte ich mir wieder gönnen. Auf jeden Fall hat mir Sonia diesmal ausführlich erklärt, warum Roberto immer noch nicht vom “Urlaub” zurück ist. Er hatte eine Freundin, ich habe sie kennen gelernt, und die war so besitzergreifend und obsessiv, dass sie ihn zur Arbeit begleitet hat. Daran kann ich mich auch noch erinnern. Es ging aber so weit, dass sie auch noch bei der Massage dabei sein wollte und neben Roberto und seinem Klienten gewartet hat. Als Roberto dagegen steuern wollte, hat sie ihn geschlagen und angeblich mit einer Waffe bedroht. Roberto ist zur Polizei gegangen, da er aber blind ist, fürchtet er um sein Leben. Man weiß ja nie, wozu eifersüchtige Frauen in der Lage sind. Roberto ist also untergetaucht. Ich hoffe es geht ihm gut und dass er bald wieder auftaucht.

Das Wochenende war recht vollgepackt. Am Samstag hat mich Noel erneut zum Essen eingeladen und sogar selbst Fisch und Tostones gekocht, ein Festschmaus. Im Anschluss sind wir zur Eisdiele KISS ME spaziert und haben uns das beste Eis Nicaragua gegönnt. Am Nachmittag hatte ich eine Skypeverabredung mit Matthäus, er ist Innsbrucker und leitet nördlich von León ein Projekt, das Teakholz in Nicaragua anbaut. Sein Projekt klingt sehr spannend. Eventuell werde ich ein Video darüber produzieren, wenn er im März nach León kommt. Am Sonntag war ich mit Rachel am Strand, wie schon oben erwähnt. Der Abend fand einen perfekten Abschluss beim Essen mit Jamie und Emma. Wir haben uns köstlich unterhalten und die Zeit sehr genossen.

Wir hatten auch einen Filmabend in unserem Haus. Rachel konnte kaum die Augen offen halten, da sie für gewöhnlich um 22 Uhr schlafen geht. Sie hat den ersten Film durchgehalten. Für den 2. hat sie sich verabschiedet. Ein Freund und ich haben dann einen weiteren Film mit Keira Knightley – Last Night – ausgewählt. Es geht dabei um ein verheiratetes Paar, er flirtet mit seiner Arbeitskollegin (Eva Mendes) und sie trifft zufällig auf ihren französischen Ex-Lover. Nachdem der Ehemann mit seiner Arbeitskollegin für ein Wochenende geschäftlich verreisen muss, stellt sich nur noch die Frage: Wer wird wen betrügen? Als sich die Situation so langsam zuspitzt, springt mein Freund vom Sessel auf und drückt die Stopptaste. Er sagt, er könne sich den Film nicht weiter anschauen, es würde ihn deprimieren. Ich musste lachen. Daraufhin haben wir eine Stunde über Beziehungen und Treue diskutiert. Immerhin hat er seit 2 Jahren eine Beziehung mit einer Engländerin. Erst lebte sie ein Jahr in Nicaragua, dann ist er 6 Monate nach England und 2 Monate gemeinsam mit ihr nach Spanien. Dann musste er zurück nach Nicaragua. In England dürfen sich Nicaraguaner pro Jahr nur 6 Monate aufhalten. Seit 4 Monaten haben sie sich nicht gesehen. Klar ist eine Fernbeziehung nicht einfach. Und dann haben wir auch schon den Knackpunkt erreicht. Er gibt nämlich zu sexuelle Gelüste zu haben, die er mit einer Person ausleben möchte. Sagt im gleichem Atemzug, das mache für seine Beziehung keinen Unterschied, weil er seine Freundin liebt und die andere Person nicht, das wäre nur rein körperlich. Abgebrochen hat er den Film, als es den Anschein gemacht hat, als würde die Ehefrau mit ihrem Ex-Lover ins Bett springen. Es ist nicht einfach hier in Nicaragua eine ernsthafte Beziehung zu führen und zwar aus dem Grund, weil es kein Vertrauen gibt. Generell vertraut hier niemand niemanden. Es ist keine Seltenheit, dass der beste Freund einem Mann die Freundin ausspannt. Außerdem ist es gang und gebe, dass man trotz Ehe, noch ein bis oben offen Lover hat, kommt darauf an, wie viel Geld der Mann verdient und wie viele Freundinnen er sich leisten kann. An dem Thema verzweifelt auch Tocino (Carlos) etwas. Er sagt als Ausländer könne man mit einem Nicaraguaner keine auf Liebe basierende Beziehung führen. Nachdem man sich ein paar mal getroffen hat und man sich mag, geht es los: “Meine Mama ist krank, wir brauchen Medizin, kannst du mir vielleicht 200 Cordobas geben?” Viele Nicas versuchen aber so auch das Land zu verlassen und ein “besseres” Leben zu führen. Tocino nennt es “Amor de la visa” und meint damit das Vorspielen von Liebe um die Aufenthaltsgenehmigung in einem anderen Land in Europa oder den USA zu bekommen. Ich denke aber auch, dass Visa in erster Linie für die Kreditkarte Visa steht und wenn alles gut geht, dann für die Hochzeit und dem Leben im Schlaraffenland. Die Ironie boxt ihnen dann tief in die Magengrube, wenn sie erkennen, dass sie zwar Geld durch die Heirat gewonnen haben, allerdings von der Frau total abhängig sind. Dazu leben viele in kleinen Dörfern in Norwegen, Holland, Deutschland. Das Paradies mit Hauptstädte, Parties und Orgien können sie sich abschminken. Einige meiner Nicafreunde leben jetzt mit ihren Ehefrauen in Europa. Wenn sie auf Heimatbesuch kommen, stelle ich allen die gleiche Frage: “Und, wie ist das Leben in Europa?” Bei den Antworten muss ich dann immer etwas schmunzeln, weil sich alle über das Klima aufregen und es gar nicht gut finden. Ja mein Lieber! Welcome to Europe. Dabei sagen sie, sie mögen es gerne kalt. Gehen aber von 20 Grad aus. Außerdem leben sie kaum das Lotterleben, dass sie sich vorgestellt haben, bekommen kaum Arbeitsgenehmigungen und müssen wenn Aushilfsjobs annehmen. Es ist halt doch eine andere Welt mit anderen Bedingungen. Der Konkurrenzkampf ist viel größer.

Abschließend ist zu sagen, dass in dieser Woche sehr viel passiert ist und ich einige tolle Gespräche geführt habe. Am meisten freut mich, dass ich Kontakt zu den verschiedensten interessanten Menschen habe. An einem Punkt als ich am Tisch mit den Poeten saß und über Poesie und das Leben philosophiert habe, habe ich mir für einen Augenblick gewünscht, dass so mein Leben für immer sein sollte. Ein Austausch zwischen Gleichgesinnten, man lebt von einer schönen Begegnung zur Nächsten. Die Frage bleibt aber nach wie vor: Wie kann ich damit Geld verdienen? Fortsetzung folgt…


Mario: mein Rechercheassistent
Noel: mein bester Freund (Nicaragua)
Luz: Noels Schwester
Carlos (Tocino): ein guter Freund (Venezuela)
Rachel: meine Mitbewohnerin (USA)
Jamie: Arzt (England)
Emma: Freundin von Jamie (England)
Jorge Eduardo Argüello: Poet (Nicaragua)
Juan Diego: Poet (Nicaragua)
Juan Diego: seine Familie besitzt das Restaurant Sesteo direkt am Zentralpark
Vanessa: eine Freundin (USA)

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