TAGEBUCH WOCHE 4

Diese Woche hat etwas ärgerlich angefangen. Ich habe meine Geldtasche samt Schlüssel verloren. Gott sei Dank hatte ich nur ca. 7 Dollar in der Tasche. Mein Assistent Mario war wie durch ein Wunder zur Stelle und hat mir geholfen das Schloss zu meinem Zimmer aufzubrechen. Dieses Ereignis führt mich auch schon zum Thema, das ich letzte Woche kurz angesprochen und versprochen habe, diese Woche ausführlich zu behandeln. Mit Carlos hatte ich zwei sehr intensive Gespräche über Bestimmung und ich bin von seinen Worten sehr angetan, weil sie auch meine Überzeugung widerspiegeln.

Carlos ist Venezolaner, ein sehr Heimatverbundener noch dazu. Er sagt, er wäre nie von zu Hause weg, wenn er nicht von seiner Arbeit aus nach Nicaragua geschickt worden wäre. Jetzt ist er hier und es gibt gute Seiten an Nicaragua aber auch weniger Gute. Für ihn ist klar, dass er nach Venezuela zurück gehen wird. Seine Frage ist: Warum schickt ihn das Leben nach Nicaragua. Warum trifft er auf eine Österreicherin, die Nicaragua liebt. Warum trifft er auf Leute aus der ganzen Welt ausgerechnet hier in León? Seiner Meinung nach haben wir alle einen Konflikt oder ein Thema im Leben, das sich im Leben des anderen widerspiegelt. Wenn ich diese Theorie auf die Personen anwende, die sich in meinem täglichen Leben in León befinden, verdammt noch mal muss ich Carlos recht geben. Rachel, meine WG-Mitbewohnerin, wenn wir über Familienverhältnisse sprechen, kann eine den Satz der anderen beenden. Es ist fast schon unheimlich, wie viele Ähnlichkeiten wir haben und auch Lebenssituationen mit denen wir zu kämpfen haben.

Und dann ist etwas ganz interessantes passiert. Am Mittwoch Nachmittag habe ich mit Mario gearbeitet, während es an unserer Tür klopft. Ich habe mich kurz gewundert, weil ich keinen Besuch erwartet habe. Als ich die Tür öffne, sehe ich eine Frau und einen Mann, Ende 20, meines Erachtens Europäer. Ich lächle und begrüße sie. Frau: “Wir wollen Spanischunterricht nehmen.” Ich: “Das ist schön. Leider sind wir keine Spanischschule.” Frau: “Oh! Das steht hier aber an der Wand.” Sie sind offensichtlich etwas von der Hitze angeschlagen, wahrscheinlich noch nicht lange in León. Ich: “Wisst ihr was, das ist irgendwie eigenartig, weil das vorher noch nie passiert ist. Wollt ihr vielleicht reinkommen und einen Kaffee oder eine Limonade trinken?” Die beiden zögern, sehen sich etwas überrascht an, entscheiden gemeinsam durch Blickkontakt, dass sie das Angebot annehmen. Ich setze sie an unseren Arbeits- und Esstisch und bringe ihnen selbstgemachte kühle Limonade. Nach kurzer Eingewöhnungszeit erzählen sie, dass sie erst einen Tag in León sind. Die Beiden bleiben sechs Monate. Ich freue mich darüber, obwohl ich sie noch gar nicht kenne. Jamie und Emma sind aus England. Jamie ist Arzt und wird im Krankenhaus arbeiten, in dem auch Oscar liegt. Emma wird sich ehrenamtlich für Pro Mujer (Organisation für Frauenrechte) engagieren. Die Beiden sind 27 Jahre alt und ihre Persönlichkeiten sind super nett, ganz abgesehen davon sind sie ein tolles Paar. Wie schön, dass die Beiden dieses Abenteuer gemeinsam beschreiten.

Um auf Carlos’ Theorie zurück zukommen, das Leben schickt mir 2 Engländer, es gibt also etwas, das uns verbindet. Wie viel uns wirklich verbindet, werde ich noch im Laufe der nächsten 2 Wochen erkennen. Meine Theorie schließt an Carlos’ an, geht aber noch einen Schritt weiter. Ich glaube auch, dass es Bestimmung ist, dass Jamie und Emma an unsere Tür geklopft haben. Wenn mir also das Schicksal die 2 schickt, frage ich mich: Was kann ich ihnen geben? Und darauf sind wir ziemlich schnell gekommen. Ich habe ihnen einen Stadtplan von León gegeben, ihnen die wichtigsten Punkte eingezeichnet, die Spanischschulen markiert und abends haben wir uns auf ein Bier zu einem Konzert getroffen. 2 Tage später waren wir das Haus von einem Freund besichtigen, der Zimmer vermietet. Jamie und Emma haben sich sofort in die das koloniale Haus verliebt und sich für die nächsten Monate dort einquartiert. Als Dank haben sie mich erst zu einem Kaffee, direkt nach der Besichtigung und dann zum Essen eingeladen. Die Zwei sind echt etwas Besonderes. Außerdem habe ich Uriel, einen Kellner des Restaurants Yavoy, kennen gelernt, als ich dort alleine gegessen habe. Er sucht einen Lehrer mit Muttersprache Englisch. Ich habe den Kontakt zu Jamie gelegt und die Beiden sind inzwischen eine Tandemteam.

Am Mittwoch waren Mario und ich in Sutiaba (Stadtteil Leóns mit indigener Bevölkerung) und wollten das Museum Sutiaba anschauen, eventuell mit jemanden Sprechen, der sich mit der Geschichte Sutiabas auskennt. Die Leute im Museum haben uns gleich weiter geschickt in ein Privathaus, das wir erst durch erneutes Fragen erreicht haben,  zu Pablo Medrano. Ich habe an die Tür geklopft. Nichts ist passiert. Dann wieder und wieder. Mario und ich haben unter der Mittagssonne gelitten. Wir haben nicht aufgegeben, bis schließlich die Tür geöffnet wurde. Xochilt, seine Tochter, hat uns reingelassen und uns Auskunft gegeben, dass Pablo momentan nicht anwesend ist. Wir haben Nummern ausgetauscht und wollten dann auch gleich wieder los, nur hat uns Xochilt in ein Gespräch verwickelt, uns über ihren Vater berichtet, dass er seit vielen Jahren die Traditionen und Geschichten Sutiabas aufrecht erhält, dass ihn viele Ausländer, vor allem Anthropologen, aufsuchen und Interviews machen, dass er zahlreiche Bücher geschrieben hat und noch vieles mehr. Sie hat uns Tiste, ein traditionelles Getränk, angeboten und als wir schließlich über Anbau gesprochen haben, hat sie uns in ihren Garten geführt und uns ihre Fruchtbäume und Pflanzen gezeigt. Wir haben ihre Mutter Silvia Natalia kennen gelernt. Sie hat auf dem Feld gearbeitet und kennt sich deshalb ausgezeichnet bezüglich Pflanzenanbau aus. Wir unterhalten uns erst über meine Paprikapflanze, die einfach nicht wachsen will und Silvia Natalia sagt gleich, das liegt an der Erde. Sie ist anders als in Europa und braucht deshalb eine andere Zuwendung. Seit 2 Wochen schon versuche ich Pflanzen zu kultivieren, aber nichts tut sich. Insgesamt haben wir 2,5 Stunden mit Xochilt und Silvia Natalia verbracht und über viele verschiedene Themen gesprochen, dem Pflanzenanbau folgte ihre Lebensgeschichte, Machismo in Nicaragua und ihre Beziehung zu Pablo.

15826025_10210233006374196_4666939513156174626_n

Die Reihe der außergewöhnlichen Begegnungen hat diese Woche noch kein Ende! Am Samstag haben Noel und ich uns zum Mittagessen getroffen. Die Kakerlake war voll, deshalb mussten wir umdisponieren. Wir waren im Restaurant Barbaro, danach sind wir ein bisschen im kleinen Park gesessen und haben geplaudert. Im kleinen Park gibt es kein gratis Wifi, deshalb sind wir in den Parque Central spaziert. Als wir beim Restaurant Sesteo vorbei kommen, sehe ich Rony Duarte, den Musiker, der beim Benefizkonzert für Oscar aufgetreten ist. Er hat mich sofort an den Tisch gewunken. Ich habe ihn begrüßt und wollte eigentlich gleich weiter. Rony hat mich aber in ein Gespräch verwickelt zu dem ich auch Noel gerufen habe. Im Anschluss daran hat er uns seine Begleitung vorgestellt, ein älterer Herr um die 65. Ein sehr bekannter Poet Nicaraguas, Carlos Perezalonso. Ich konnte es nicht glauben. Carlos hat sofort gesagt, wir sollen uns zu ihnen setzen. Das haben wir gemacht und Carlos und ich haben über Poesie gesprochen. Ich habe ihm auch von meinem Buch erzählt. Er hat mir sofort seine Kontaktdaten gegeben, ich soll es ihm schicken. Carlos hat einige Episoden aus seinem Leben zum Besten gegeben. Wir haben viel gelacht. Nach Kurzem hat er uns ebenfalls auf seine Finca eingeladen. Nach 2 Stunden wollten wir aber weiter. In dem Moment kommen weitere Freunde von Rony und Carlos, ebenfalls Poeten. Jorge Eduardo Argüello (66 Jahre) mit seiner Frau (24) und Juan Diego (28). Wir haben also den Tisch gewechselt und Carlos hat eine weitere Runde spendiert. Ich habe mich mit Jorge Eduardo bekannt gemacht und auch wir haben unsere Kontaktdaten ausgetauscht. Auch er will mein Buch lesen, das schmeichelt mir. Noch interessanter ist, Jorge Eduardo kennt Baltasar Gutiérrez, er studiert seit Jahren die Geschichte Sutiabas und speziell die Sprache Sutiaba. Er wird uns am Montag mit Baltasar bekannt machen.

Abschließend ist zu sagen, dass diese Woche außergewöhnliche Begegnungen bereit gehalten hat. Ich habe mich vom Schicksal getragen gefühlt und habe große Hoffnung, dass sich aus den Kontakten etwas ergeben wird. Fortsetzung folgt…

Noel: mein bester Freund (Nicaragua)
Mario: mein Rechercheassistent
Carlos (Tocino): ein guter Freund (Venezuela)
Rachel: meine Mitbewohnerin (USA)
Jamie: Arzt (England)
Emma: Freundin von Jamie (England)
Rony Duarte: Musiker (Nicaragua)
Carlos Perezalonso: Poet (Nicaragua)
Jorge Eduardo Argüello: Poet (Nicaragua)
Juan Diego: Poet (Nicaragua)
Oscar: unser Freund der im Krankenhaus liegt (Nicaragua)

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s