TAGEBUCH WOCHE 3

Die Woche hat exzellent angefangen. Rony Duarte (ein Sänger) und AMALGAMA (sehr bekannte Band) haben mir Bescheid gegeben, dass sie am Benefitzkonzert für Oscar teilnehmen. Am Abend habe ich mich mit Carlos getroffen, um den Erfolg zu feiern. Wir waren Essen und haben ein sehr philosophisches Gespräch geführt, welches mich sehr inspiriert hat. Ich werde das Thema nächste Woche behandeln.

Am Dienstag habe ich mich mit Mario im Pan y Paz getroffen. Zur Erinnerung, der junge Mann, 25, der mir bei meiner Doku helfen will. Er hat Wegdesign studiert und ist ein ausgezeichneter Zeichner. Er hat von Oscar eine Porträt angefertigt, das ist echt beeindruckend realistisch. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Aus dem kurzen Kennenlernen wurde ein 3 Stunden Diskurs über Kunst, Film und Design. Wir haben auch über Poesie und Literatur gesprochen. Ein weiteres Interesse, das wir beide teilen. Ich habe nicht sonderlich viel von dem Treffen erwartet. Bin im Nachhinein aber positiv überrascht. Er hat sogar schon angefangen Recherchearbeit für mich zu übernehmen und hat den Job sehr gut gemacht. In dieser Woche haben wir uns weitere 2 Mal getroffen, um ausschließlich für die Doku zu recherchieren. Er ist sehr sensible, introvertiert und passiv in seiner Art, wenn aber sein Einschreiten benötigt wird, macht er es ohne, dass man ihn daraufhin weisen muss. Das ist eine erstaunliche Gabe, die nicht viele besitzen. Ich freue mich sehr über seine Hilfe. Manche Dinge sind leichter, wenn man Anstelle eines Monologes einen Dialog führen kann. Außerdem haben wir fixe Arbeitszeiten und es ist echt einiges vorangegangen. Auch wenn er nicht immer pünktlich ist.

Ich weiß nicht, was diese Woche los war, aber wenn ich dachte, es kann nicht mehr besser werden, ist es noch besser geworden. Am Dienstag Abend war außerordentlicher Salsaabend im Olla Quemada. Carlos und ich haben uns dort verabredet. Vanessa (USA)   und ihre deutsche Freundin haben wir auch getroffen. Es war nicht sonderlich viel los. Allerdings war ein Tänzer dort, der war offensichtlich nicht aus León. Nach einiger Zeit hat er sich zum DJ gesellt, sein Freund. Wir sind direkt am Nebentisch gesessen. Er hat mich gefragt, ob ich tanzen will und dann ging’s los. Ein Tanz nach dem anderen. Der Mann ist gut, soviel ist klar. Manchmal trifft man auf Tänzer da funktioniert es einfach. Die wissen, wie sie mich führen müssen und mit Nestor bestand eindeutig eine tänzerische Harmonie. Ich hatte soviel Spaß, dass ich über das ganze Gesicht lachen musste und nicht aufhören konnte. Bis zum Schluß haben wir oft getanzt, neue Figuren erfunden und geblödelt. Nach einiger Zeit waren wir so aufeinander eingespielt, dass jeder Schritt, jede Bewegung ganz automatisch passierte, als würde mein Körper schon wissen, was sein Körper vorgibt. Das ist das Magische am Tanzen, der Moment in dem man sich im Tanz vollkommen verliert. Der Abend war wirklich außerordentlich. Es hat viel Spaß gemacht. Kurz vor Ende ist Vanessa zu mir. Sehr aufgeregt hat sie mich gefragt: “Du weißt aber schon, wer mit dir den ganzen Abend getanzt hat?” Ich: “Du meinst Nestor? Er ist ein sehr guter Tänzer, soviel ist klar.” Vanessa musste lachen und sagte: “Ja das stimmt wohl. Er hat die Nationalmeisterschaft gewonnen. Er ist der Beste in Nicaragua.” Was für ein Glück ich doch habe, dass er in León an diesem Abend war und mich gefragt hat, ob ich tanzen will.

Am Mittwoch war dann der große Tag des Benefizkonzertes. Und endlich habe ich Noel wiedergesehen. Er ist momentan sehr eingespannt mit seiner Thesis. Das ist manchmal sehr schade, weil ich gern mehr Zeit mit ihm verbringen würde. Er hat seine Gedanken aber leider an anderer Stelle. Der Abend hat träge angefangen, aber je später es wurde, desto besser ist es geworden. Der Laden war voll. Viele Musiker sind aufgetreten und wir haben C$ 9.000,- ($ 300,-) für Oscar gesammelt. Ein Riesenerfolg über den wir, Noel, Elthon und ich, uns sehr freuen. Ich weiß nicht, was an diesem Abend mit mir los war, vielleicht war ich immer noch super happy von der Salsanacht vom Vortag, aber die Männer sind um mich herum geschwirrt wie hungrige Haie, ein Spanier, ein Engländer, 2 Kanadier,… Ich habe die Gespräche und die Aufmerksamkeit sehr genossen. Mein Fokus blieb aber bei dem Event und bei Noel, den ich ja schon so lange nicht mehr gesehen habe. Das hat die Männer noch verrückter gemacht.

Dorien, meine Mitbewohnerin ist vor 5 Tagen abgereist. Jetzt bin alleine im Haus. Anfangs war es etwas komisch und nachts habe ich mich manchmal gefürchtet, inzwischen genieße ich es, das Haus für mich alleine zu haben. Ich arbeite viel im Garten und an der Dekoration des Hauses. Von Tag zu Tag fühle ich mich wohler. Nach der Arbeit mit Mario war am Donnerstag Marianka bei mir zu Besuch. Wir haben über das Leben in Nicaragua gesprochen und wie es uns mit dem Zurückkommen geht. Es war für uns beide nicht leicht. Außerdem hat sie mir ein Kontakt genannt, Lester, der bei Intur (Touristeninformation) arbeitet und Informationen über die verschiedenen Ethnien  Nicaraguas hat. Plötzlich sperrt jemand die Haustüre auf und kommt völlig verstört mit großem Rucksack ins Haus. Sie war wohl nicht darauf vorbereitet, dass jemand im Haus ist. Sie wollte eindeutig kein Gespräch führen. Es ist Rachel (USA). Sie wohnt im Zimmer 3. Eigentlich dachte ich, sie kommt erst Mitte Jänner zurück. Dem ist anscheinend nicht so. In dem Moment als ich das Haus gefühlsmäßig eingenommen habe, kommt Rachel daher und ich dachte nur, was macht sie in MEINEM Haus. 2 Tage später haben wir uns ausgiebig unterhalten und wir haben sehr viele Ähnlichkeiten in unserem Lebenslauf, auch viele ähnliche Lebensfragen. Das bestätigt wiederum das Gespräch, das ich am Wochenanfang mit Carlos geführt habe.

Am Donnerstag Abend waren wir wie jeden Donnerstag Salsa tanzen. Carlos hat mich begleitet und der Laden war so voll wie nie zuvor. Alle Haie von gestern waren ebenfalls dort und noch mehr. Ich bin aus dem Tanzen nicht rausgekommen. Ein Mann nach dem anderen hat mich aufgefordert. Danach haben wir Noel in einer Disco getroffen und bis 2 Uhr die Tanzfläche gerockt. Die Nacht war sehr speziell, denn es kam ein Lieblingssong nach dem anderen von uns. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wie verrückt mit Noel zu tanzen und ihn zu beobachten, wie er mich ansieht, während er über das ganze Gesicht strahlt. Ich dem Moment bin ich einfach nur glücklich, dass ich diese Erlebnisse mit ihm teilen kann.

Am Freitag haben Mario und ich den mysteriösen Lester gesucht, der einige Infos über Ethnien in Nicaragua haben soll. Es war eine Odyssee. Von einem Touribüro sind wir ins andere geschickt worden. Die Suche mussten wir unterbrechen für’s Mittagessen, bis wir schlussendlich nach 3 Stunden bei Coopquistur gelandet sind. Die haben Lester angerufen, der dort als Guide arbeitet und nach 2,5 Stunden Wartezeit ist er aufgetaucht. Mario wollte nach 1,5 Stunden aufgeben. Wir sind aber hartnäckig geblieben. Lester hat uns ein paar Dinge über den Stadtteil Sutiaba, der eigentlich aus einer indigenen Gruppe besteht, erzählt. Die meiste Zeit war er aber sehr überheblich mit seinen Kommentaren. Als er mir dann erklärt hat, wie ich die Doku aufziehen soll, welche Themen ich behandeln soll und dass ich im Grunde gleich einpacken kann und nach Hause fahren soll, musste ich mich etwas zusammennehmen, um nicht ein blödes Kommentar abzugeben. Er ist ein klassischer Macho, der Frauen gerne erklärt, wie die Welt funktioniert. Ich habe die ganze Zeit über höflich gelächelt und genickt. Vor allem als er fragte, wie die Doku heißen soll und ich dann sagte, es gibt einen Arbeitstitel “Die Ethnien Nicaraguas” aber in dem Sinn noch keinen Namen, meinte er, ich solle mir erstmal einen Namen überlegen und dann anfangen zu arbeiten, weil dann wüsste ich auch, um was es in meinem Film gehen würde. In dem Moment musste ich mich besonders zusammen reißen. Aus dem Augenwinkel habe ich gesehen, dass Mario in die andere Richtung geschaut hat. Auf die Frage, warum er sich vom Gespräch abgewendet hat, meinte er, er konnte mein Gesicht nicht anschauen, als mich Lester so blöd angeredet hat. “Äh hallo? Das war das perfekte Pokerface!” Mario, der sich nicht mehr einbekommen hat vor Lachen: “Si jefa (Ja Chefin), aber dein Mundwinkel hat gezuckt, wie bei einem Wolf, der gleich attackiert.” Wir haben uns über dieses Ereignis sehr amüsiert. Bei einer intensiveren Recherche sind wir dann darauf gekommen, dass Lester gar nicht der Lester ist, den wir gesucht haben. Der richtige Lester arbeitet in einem Touribüro auf Corn Island (Karibikinsel von Nicaragua).

Silvester habe ich erst mit Rachel bei einem schönen Abendessen im Restaurant Barbaro und dann mit Brayan, Noel und  Brayans Freundin bei ihm zu Hause verbracht. Es war ein ruhiges Zusammentreffen. Kurz vor Mitternacht hat Brayan Münzen gebracht. Damit füllen sie die Schuhe und um Mitternacht gehen sie damit ein paar Schritte. Das war äußerst schwierig, denn ich hatte viele Münzen in meinen Ballerinas. Dieser Brauch soll dafür sorgen, dass du im Neuen Jahr immer genug Geld hast. Das kann nie schaden, ich war deshalb vorne mit dabei, auch wenn es ein bisschenweh getan hat. Außerdem gibt es den Brauch sich “El Viejo” (der Alte) anzuschaffen. Es ist eine Pappmasche Puppe in Lebensgröße. El Viejo wird mit echter Kleidung angezogen und Anfang Dezember mit einer Flasche Rum in der Hand auf einen Stuhl vor das Haus gesetzt. Gegen Mitte des Monats kommt er ins Haus. Dann wird er krank und niedergelegt und am 31. Dezember um Mitternacht hängen sie ihn auf und zünden ihn an. Das ist eine Art Reinigungsritual, das für einen sauberen Start ins Neue Jahr sorgen soll. Die Woche habe ich chillig mit Rachel bei einem Taco und Kino  (Passangers) ausklingen lassen. Ich komme ja kaum dazu mir hier Filme anzuschauen. Eine Verabredung jagt die Nächste. Es ist einfach herrlich.

Abschließend ist zu sagen, dass Woche 3 einfach nur fantastisch war. Auf Facebook habe ich geschrieben, wenn 2017 so wird wie die letzte Woche von 2016, dann werde ich das beste Jahr meines Lebens haben. Und ich spüre, dass 2017 tolle Abenteuer für mich bereit hält. Ich freue mich schon und bin gespannt, was auf mich zukommt. Fortsetzung folgt…

Noel: mein bester Freund (Nicaragua)
Rachel: meine Mitbewohnerin (USA)
Dorien: ehemalige Mitbewohnerin (Holland)
Carlos: ein guter Freund (Venezuela)
Mario: mein Rechercheassistent
Elthon: Besitzer der Bar Mijunas und Freund von Noel
Lester (der Falsche): Tourguide und Informationsperson
Marianka: eine Freundin (Polen)
Nestor: Salsanationalmeister aus Managua (Nicaragua)
Oscar: unser Freund der im Krankenhaus liegt (Nicaragua)
Luz: Noels Schwester (Nicaragua)
Karen: Noels Freundin (Nicaragua)

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